Schwerin hat am Freitag auf dem Marktplatz noch einmal gesehen, wie Wahlkampf in der Landeshauptstadt klingen kann, wenn 450 Menschen laut Polizei „blaue Welle“ rufen und dabei so tun, als würde am Sonntag nicht einfach eine Oberbürgermeisterwahl stattfinden, sondern die endgültige Rückeroberung des Abendlandes zwischen Rathaus und Wurstbude.
Im Mittelpunkt stand AfD-Kandidatin Petra Federau, die ihre Heimatstadt, ihren Jahrgang 1969 und die angeblich historische Chance auf einen politischen Wechsel beschwor. Unterstützt wurde sie dabei von Parteigrößen aus Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt. Wenn man es wohlwollend lesen möchte, sollte das Geschlossenheit zeigen. Wenn man es weniger wohlwollend liest, könnte Schwerin damit für einen Nachmittag wie die Außenstelle eines sehr schlecht gelaunten Parteitags gewirkt haben.
Landeshauptstadt testet erneut ihre Belastbarkeit
Federaus zentrale Bilder waren erwartbar groß. Sicherheit, Ordnung, Aufnahmestopp, Wirtschaft, Schluss mit dem Klimanotstand, dazu die „blaue Welle“, die laut Rede ausgerechnet 2026 in Schwerin beginnen solle. In einer Stadt, die schon mit normalen Ausschusssitzungen überfordert wirkt, ist die Vorstellung einer politischen Welle natürlich ambitioniert. Ein Passant auf dem Markt fasste die Lage so oder so ähnlich zusammen: „Hier reicht schon Nieselregen, damit in der Verwaltung drei Zuständigkeiten und vier Rückfragen entstehen. Wenn jetzt noch eine Welle kommt, ist Montag wahrscheinlich Ausnahmezustand im Bürgerbüro.“
„Viele Menschen setzen jetzt ihre Hoffnung auf diese blaue Welle, die 2026 hier in Schwerin beginnt.“
Petra Federau laut Schwerin-Lokal
Parallel standen laut Polizei rund 30 Menschen in der Puschkinstraße und protestierten gegen die Kundgebung. Das Verhältnis 450 zu 30 klingt erstmal eindeutig. Andererseits ist Schwerin auch die Stadt, in der eine überschaubare Menschengruppe regelmäßig ausreicht, um eine komplette politische Erzählung zu tragen. Entscheidend ist hier weniger die Größe als die Lautstärke, und an Lautstärke mangelte es am Freitag offenkundig auf keiner Seite.
Wer sich durch diesen Wahlkampf klicken möchte, findet im Archiv bereits die passende Vorwärmung, etwa bei Federaus Sozialkürzungslogik oder beim allgemeinen Zustandsbericht zum OB-Wahlkampf. Die Linie nach oben ist dabei weniger steigend als schlingernd.
Schwerin zwischen Rathauswahl und Ersatz-Landtagswahl
Besonders hübsch war der Umstand, dass die Veranstaltung zwischenzeitlich so wirkte, als sei die Oberbürgermeisterwahl nur das Vorprogramm für deutlich größere Fantasien. Leif-Erik Holm, Enrico Schult, Christine Brinker, Ulrich Siegmund, alle einmal auf die Bühne, alle mit dem Gefühl, hier könne in Schwerin gerade etwas sehr Großes beginnen. Dabei wählt die Stadt am Sonntag erstmal nur ihre Verwaltungsspitze. Nicht den Weltenlauf, nicht das Schicksal Europas, nicht den Pegel der Ostsee.
Dass Federau sich als Frau „von ganzem Herzen“ für Schwerin inszeniert, gehört zum üblichen Wahlkampfmaterial. Dass daraus auf dem Marktplatz gleich eine Art Testlauf für die nächste große rechte Erzählung gemacht wurde, sagt allerdings ebenfalls etwas über diese Stadt. Schwerin ist eben Landeshauptstadt, aber oft nur in dem Sinne, dass hier zuerst ausprobiert wird, ob politische Überhöhung auch auf Kopfsteinpflaster funktioniert.
Am Ende bleibt von diesem Nachmittag vor allem die Erkenntnis, dass in Schwerin selbst eine OB-Wahl noch kurz so aussehen kann, als würde hier mindestens die Republik umgebaut. Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.
Quellen: Schwerin-Lokal
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