Politik

OB-Wahl in Schwerin: Stadt richtet Wahlkabinen in Wartezimmern ein, damit niemand von Zukunftsplänen beunruhigt wird

Schwerin geht bei der Oberbürgermeisterwahl neue, beziehungsweise für diese Stadt geradezu erschreckend konsequente Wege. Um die Bevölkerung nicht mit unnötiger Dynamik, frischen Ideen oder gar einem Hauch von Zukunft zu überfordern, hat die Landeshauptstadt am Sonntag sämtliche Wahlkabinen in Wartezimmern, Fluren und stillgelegten Antragsbereichen eingerichtet. Nach Angaben des fiktiven Amts für demokratische Sedierung solle damit gewährleistet werden, dass die Stimmabgabe in einer Umgebung erfolge, die den seelischen Grundzustand Schwerins „authentisch abbildet“.

Schon am frühen Morgen bildeten sich am Marienplatz und rund um das Schloss lange Schlangen aus Bürgern, die zunächst nicht bemerkten, dass sie sich bereits mitten im Wahlprozess befanden. Wer länger als 23 Minuten apathisch auf einen Aufsteller mit der Aufschrift „Bitte weiter warten, Zuständigkeit wird geprüft“ starrte, galt automatisch als ausreichend eingestimmt und wurde an eine Kabine weitergeleitet. Dort durfte dann zwischen mehreren Kandidaten gewählt werden, die sich zwar im Namen unterscheiden, in ihrer Botschaft aber weiterhin verdächtig stark an „bloß nichts anfassen“ orientieren.

Demokratie, aber bitte ohne Kreislaufbelastung

Nach Angaben von Wahlleiter und Interims-Funktionsromantiker Bernd-Heinrich Klappstuhl sei das Konzept aus einer simplen Erkenntnis entstanden: In Schwerin müsse man den Leuten Veränderung so vorsichtig servieren wie Leitungswasser in einer Porzellantasse. „Viele Bürger kennen aus ihrer Stadt vor allem Vertagungen, Ausschüsse und die beruhigende Gewissheit, dass sich selbst kleine Fortschritte zuverlässig totverwalten lassen“, erklärte Klappstuhl. „Da wäre es grob fahrlässig, sie ausgerechnet am Wahltag mit Tempo zu konfrontieren.“

Wir wollten eine Atmosphäre schaffen, in der sich Schwerin sofort wiedererkennt: etwas Amtsdeutsch, etwas Resignation und das Gefühl, dass am Ende ohnehin die trägste Option gewinnt.

Volker Miefgang, fiktiver Beauftragter für verwaltungsnahe Gemütsruhe

Besonders gut angenommen wurde das neue Modell im Stadtteilzentrum Großer Dreesch. Dort erhielten Wähler zur besseren Orientierung Nummernzettel, einen lauwarmen Pfefferminztee und ein Infoblatt mit den drei wichtigsten Wahlgrundsätzen der Stadt: erstens Ruhe, zweitens Besitzstand, drittens bitte nichts, was unter 65 noch spannend finden könnte. Jüngere Wahlberechtigte wurden gebeten, vor Betreten der Kabine schriftlich zu versichern, dass sie nach der Wahl entweder nach Hamburg ziehen oder sich wenigstens innerlich von Schwerin verabschieden.

Im Rathaus hieß es, die Entscheidung sei auch eine logische Reaktion auf den bisherigen Wahlkampf, der zuletzt bereits in Artikeln wie „19 Strafanzeigen, Hitlerbärte und ein Durchschuss“ dokumentiert worden sei. Wer diesen Zirkus ernsthaft bis zum Wahltag verfolgt habe, müsse ohnehin erst einmal in einen ruhigen Raum gesetzt werden, bevor er wieder Entscheidungen für eine Landeshauptstadt treffen dürfe, die seit Jahren so auftritt, als sei schon ein funktionierender Nachmittag ein mutiges Reformprojekt.

Wer Vision sagt, muss kurz raus

Damit der Ablauf nicht durch spontane Anfälle von Ehrgeiz gestört wird, sind in allen Wahllokalen speziell geschulte Deeskalationskräfte im Einsatz. Sobald Wähler Begriffe wie „Clubkultur“, „junge Leute halten“, „ICE-Anschluss“ oder „digitale Verwaltung“ aussprechen, werden sie freundlich in einen Nebenraum begleitet, wo ihnen zehn Minuten lang Schweriner Haushaltsreden aus den vergangenen Jahren vorgelesen werden. Erst wenn Puls und Hoffnung wieder auf Normalniveau abgesunken sind, darf der Wahlvorgang fortgesetzt werden.

Auch die Auszählung folgt dem Geist der Stadt. Stimmen für Stabilität, Behäbigkeit und eine freundlich einbalsamierte Form des politischen Leerlaufs sollen doppelt kontrolliert werden, damit ja nichts verlorengeht. Stimmen, die nach Aufbruch riechen, werden zunächst mit dem Vermerk „wahrscheinlich Missverständnis“ in die Nachprüfung gegeben. Das Vorgehen orientiere sich laut Verwaltung an den bewährten Erfahrungen aus der lokalen Debattenkultur, wie sie zuletzt schon der NDR-Faktencheck zur OB-Debatte unfreiwillig zusammengefasst habe.

Vor den Wahllokalen zeigten sich viele Bürger erleichtert. „Ich finde das fair“, sagte der 73-jährige Rentner Horst-Klaus Bummel aus der Weststadt, nachdem er seine Stimme, seinen Rücken und seinen Glauben an kommunale Erneuerung gleichzeitig abgegeben hatte. „Wenn man hier jahrzehntelang erlebt hat, wie aus jeder Idee erst ein Arbeitskreis und dann ein Nachruf wird, will man beim Wählen ja auch nicht plötzlich in so eine aufgeregte Großstadtstimmung geraten.“

Am Abend will die Stadt das Ergebnis traditionell im kleinen Sitzungssaal verkünden, also dort, wo Schwerin seine Zukunft seit Jahren zuverlässig unter Zimmerpflanzen und Tagesordnungspunkten beerdigt. Beobachter rechnen damit, dass am Ende wieder genau jene Form von Verwaltungspathos gewinnt, die diese Stadt so unerbittlich konserviert: viel Schloss, wenig Mut, und für jeden, der noch etwas anderes erwartet, ein Platz im Wartezimmer.

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