Im Tarifstreit des öffentlichen Nahverkehrs in Mecklenburg-Vorpommern haben sich ver.di und der Kommunale Arbeitgeberverband auf einen Abschluss geeinigt. Laut Schwerin-Lokal gilt der Vertrag bis Ende 2029, senkt die Wochenarbeitszeit für rund 2.800 Beschäftigte von 39 auf 38 Stunden und liefert obendrauf 1.000 Euro Entlastungsprämie im August. In der Landeshauptstadt reicht inzwischen offenbar schon ein winziger Schritt Richtung Normalität, damit jemand „historischer Durchbruch“ ins Mikro nuschelt.
Dazu kommen Vergütungssteigerungen in den Jahren 2028 und 2029 um jeweils 2,5 Prozent, mindestens aber 100 Euro, sowie eine erhöhte Jahressonderzahlung von 85 auf 92,5 Prozent im kommenden Jahr. Das ist faktisch ein tragfähiger Kompromiss. Satirisch betrachtet ist es vor allem der Beleg, wie brutal klein Schwerin inzwischen denkt: Wenn Bus und Straßenbahn nicht komplett in die Knie gehen, wird hier sofort so getan, als hätte man den ÖPNV neu erfunden.
Fortschritt in homöopathischer Dosierung
Zur Erinnerung: Die Gewerkschaft war deutlich höher eingestiegen und hatte unter anderem 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich gefordert. Ende Februar legten Warnstreiks den Nahverkehr in mehreren Städten lahm, auch in Schwerin fielen Busse und Straßenbahnen aus. Eine Stadt, die im Alltag schon mit vier Straßenbahnlinien auftritt, als wäre das eine urbanistische Großtat, verkauft jetzt 38 Stunden Arbeit als verkehrspolitische Mondlandung. Das ist nicht visionär. Das ist Provinz mit Pressemitteilung.
„Schwerin freut sich über einen Tarifabschluss so, wie andere Städte sich über funktionierende Rolltreppen freuen: kurz, erleichtert und mit der leisen Angst, dass es morgen schon wieder vorbei sein könnte.“
fiktive Einordnung aus der Haltestellenrealität
Die Arbeitgeberseite verweist auf wirtschaftliche Grenzen und langfristige Planungssicherheit. Klingt vernünftig. Dumm nur, dass in Schwerin seit Jahren fast alles nach Verwaltung klingt und fast nichts nach Aufbruch. Genau deshalb passt dieser Abschluss so perfekt zur Stadt: ein bisschen Entlastung, ein bisschen weniger Arbeitszeit, ein bisschen mehr Geld, dazu sehr viel Selbstlob. Große Würfe überlässt man weiterhin Orten, die nicht schon stolz auf den eigenen Mittelwert sind.
Vier Linien, null Größenwahn
Besonders komisch wird es, wenn man das Ergebnis in der angeblich modernen Mobilitätsdebatte betrachtet. Schwerin schafft Fahrkarten ab und „Halten auf Wunsch“ sind ältere hauseigene Erinnerungen daran, wie schnell diese Stadt aus jedem Verkehrsthema eine Mischung aus Mangelverwaltung und PR-Gymnastik macht. Jetzt wird derselbe Laden dafür gefeiert, dass Beschäftigte künftig minimal kürzer arbeiten und minimal mehr bekommen. Schön für die Belegschaft, ernsthaft. Für die Stadt ist es trotzdem nur der nächste Beweis, dass sie sich sogar bei einer Verbesserung noch nach Wartesaal anfühlt.
Unterm Strich bleibt ein echter Tarifabschluss mit realen Verbesserungen. Nur die Schweriner Deutung dazu ist wieder herrlich kleinmütig: Statt endlich darüber zu reden, wie ein Nahverkehr einer Landeshauptstadt zuverlässig, attraktiv und halbwegs ambitioniert aussehen müsste, feiert man die Tatsache, dass das System nicht komplett implodiert ist. Willkommen in Schwerin, wo schon ein Schritt in die Gegenwart als Zukunftsoffensive durchgeht.
Quellen: Schwerin-Lokal
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