Gesellschaft

Nach 20 Jahren Leerstand: Schwerin erklärt Geister-Center am Bleicherufer offiziell zum ersten Einkaufszentrum für Enttäuschung

Schwerin. Nach rund 20 Jahren ohne Einkaufsmarkt hat die Landeshauptstadt ihr berühmtes Geister-Center am Bleicherufer nun endlich strategisch neu aufgestellt. Wie aus dem Umfeld der Stadt zu hören sein könnte, soll der Standort künftig nicht länger als gescheitertes Nahversorgungsprojekt missverstanden werden, sondern als erstes vollwertiges Einkaufszentrum für Enttäuschung. Besucher erwartet dort konsequent das, was Schwerin am verlässlichsten liefert: leere Flächen, tote Schaufenster und das warme Gefühl, dass hier seit Jahren irgendjemand irgendetwas prüfen würde.

Damit reagiere die Stadt angeblich auf die Tatsache, dass man am Bleicherufer seit zwei Jahrzehnten sehr anschaulich beobachten könne, wie sich kommunale Hoffnung langsam in Staub, Stillstand und Ausweichverkehr auflöst. Während andere Städte aus problematischen Immobilien Wohnungen, Kulturorte oder wenigstens etwas Nützliches machen, habe Schwerin den Standort lieber behutsam konserviert, damit auch kommende Generationen noch sehen können, wie sich Provinzialität in Beton übersetzen lässt.

Konzept: einkaufen, ohne von Angebot belästigt zu werden

Das neue Nutzungskonzept sei ebenso radikal wie lokalpatriotisch. Im Erdgeschoss solle ein „Kompetenzzentrum für ausgebliebene Belebung“ entstehen, daneben ein Erlebnisgang mit original Schweriner Leerstandsgeräuschen. Im ehemaligen Marktbereich plane man angeblich eine Dauerausstellung unter dem Arbeitstitel „Hier hätte mal was sein können“. Familien könnten dort interaktiv nachspielen, wie es ist, für jeden simplen Einkauf doch wieder durchs halbe Stadtgebiet zu gurken, weil die Landeshauptstadt ihre Wege vorzugsweise nach dem Prinzip „wird schon irgendwie“ organisiert.

Wir wollten einen Ort schaffen, an dem Schwerinerinnen und Schweriner die ganze Bandbreite kommunaler Selbstaufgabe an einem einzigen Standort erleben können. Das Geister-Center ist kein Problem, es ist unsere ehrlichste Sehenswürdigkeit.

so oder so ähnlich soll es der Beauftragte für Stillstandsveredelung, Dr. Ulf Klinker, formuliert haben

Besonders stolz sei man demnach auf die authentische Atmosphäre. Anders als beim Schloss müsse man hier keine Broschüren drucken, um Bedeutung zu simulieren. Das Gebäude erledige alles selbst: Es steht da, es altert vor sich hin und es erzählt ohne Worte die ganze Schweriner Geschichte von verwalteter Anspruchslosigkeit. Wer nach dem Besuch noch Zweifel am Rentnerstadt-Vibe der Stadt habe, dürfe anschließend über den Marienplatz laufen und dort die Öffnungszeiten der verbliebenen Geschäfte als eine Art satirischen Escape Room erleben.

Tourismus soll vom kontrollierten Niedergang profitieren

Auch touristisch verspreche man sich viel. Nachdem Schwerin seit Jahren jede freie Fläche zwischen Schloss, Pfaffenteich und Broschürensatz zu Welterbe-Gefühl aufblasen wolle, sei das Bleicherufer nun der logische nächste Schritt. Reisegruppen könnten künftig erst das Schloss fotografieren und danach im Geister-Center lernen, was passiert, wenn eine Stadt ihre komplette Identität auf Kulisse, Erinnerung und Amtsdeutsch stützt. Das sei, heißt es, „ein Kontrastangebot mit regionalem Schmerzfaktor“.

Für die lokale Wirtschaft sei das Projekt ebenfalls ein Signal. Kein gutes, aber immerhin eins. Einzelhändler in der Innenstadt würden den Plan angeblich begrüßen, weil damit endlich ein Ort existiere, der die wirtschaftliche Perspektive der Stadt nicht mehr verschleiert, sondern in Quadratmetern ausstellt. Wer wissen wolle, wohin Mutlosigkeit, Verwaltungsglaube und die berühmte Schweriner Ruhe führen, müsse künftig nicht mehr lange diskutieren. Ein kurzer Blick aufs Bleicherufer reiche.

Zur Eröffnung des Hauses sei nach bisher unbestätigten Angaben ein Festakt mit Sektempfang, Banddurchschnitt und einer Schweigeminute für jede verpasste Chance seit 2006 geplant. Anschließend wolle eine interfraktionelle Arbeitsgruppe prüfen, ob man den Standort nicht zusätzlich als Museum der unterlassenen Stadtentwicklung, als Denkmal für betreute Ideenlosigkeit oder direkt als Außenstelle des Rathauses nutzen könne. Realistischer werde es heute jedenfalls nicht mehr.

Ein Rentner vom Pfaffenteich, der das Konzept angeblich bereits vorab besichtigen durfte, zeigte sich beeindruckt: „Früher dachte ich, das sei einfach nur leer. Jetzt weiß ich: Das ist Schwerin in Reinform.“ Mehr Anerkennung dürfte diese Adresse in den letzten 20 Jahren kaum bekommen haben. Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.

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