Kultur

Hollywood-Casting im Marienplatz-Keller: Schwerin verwechselt Rolltreppe erneut mit Aufstieg

Wenn eine Stadt kulturell lange genug auf Diät gesetzt wird, hält sie irgendwann schon ein Casting zwischen Rolltreppe und Handyhülle für den großen Aufbruch. Genau dort ist Schwerin jetzt angekommen. In der Marienplatz-Galerie, also im Untergeschoss eines Kaufhauses, suchte ein US-Produzent laut Nordkurier nach Talenten für den Film „Christmas Couples Retreat 2“. Und weil in Schwerin jede halbwegs ungewöhnliche Geräuschkulisse sofort wie Weltstadt wirkt, wurde aus einem offenen Casting gleich wieder eine Art lokale Erlösungsfantasie.

Die Fakten sind dabei völlig in Ordnung. Sophie und Melissa Mialki traten auf, sangen und spielten, bekamen Feedback von Caster Otto Nietschke, und der US-Produzent Vincent de Paul ließ in der Galerie nach neuen Gesichtern suchen. Sophie sang unter anderem „I love you“ von Billie Eilish, Melissa stellte ihre Theatererfahrung unter Beweis, die Familie war dabei, und am Ende stand vor allem das, was bei solchen Formaten tatsächlich zählt: Hoffnung, Mut und der Wunsch, dass mehr daraus wird. Daran ist nichts Lächerliches. Lächerlich ist nur, dass Schwerin für solche Momente offenbar immer erst den Umweg über ein Einkaufszentrum braucht.

Kulturstadt mit Rolltreppenromantik

Der eigentliche Witz steckt nicht in den Schwestern, sondern in der Kulisse. Andere Städte bauen Szenen, schaffen Räume, fördern Nachwuchs, entwickeln Kulturprofile. Schwerin stellt Lautsprecher ins Kaufhaus und hofft, dass Applaus zwischen Schaufenstern schon nach Filmbranche klingt. Diese Stadt ist so hungrig nach Bedeutung, dass sie selbst das Untergeschoss der Marienplatz-Galerie noch zur Probebühne für internationale Relevanz erklärt, obwohl dort meist schon ein verkaufsoffener Sonntag als urbanes Großereignis durchgeht.

In Schwerin gilt man kulturell bereits als Weltstadt, wenn jemand mit Mikrofon nicht sofort vom Centermanagement als Störung gemeldet wird.

Gerade deshalb ist diese Geschichte so treffsicher für den Zustand der Stadt. Sie zeigt Talent, Ehrgeiz und echte Ambition auf der einen Seite, aber auf der anderen eine Umgebung, die seit Jahren mit erschütternder Genügsamkeit verwechselt, was Aufbruch und was bloß Dekoration ist. Schwerin schmückt sich gern mit Schloss, See und Welterbe-Gefühl, kriegt aber echte kulturelle Energie nur punktuell organisiert. Und wenn es dann mal nach Glanz aussieht, landet man natürlich wieder in jener Galerie, die hier schon als Stadtentwicklungsbeweis mit Klimaanlage herumgereicht wurde.

Die Talente sind da, das Umfeld hinkt hinterher

Dabei erzählen die Mialki-Schwestern etwas, das für Schwerin unangenehm ist: Die Leute, die wirklich etwas wollen, bringen ihre Energie längst selbst mit. Sophie kommt aus Musical und Chor, Melissa aus Theater und Kurzfilm, beide treten an, beide halten den Druck aus, beide denken weiter. Die Stadt hingegen bleibt in ihrer Lieblingsrolle: Kulisse sein und sich dafür feiern lassen. Ein Casting im Kaufhaus wird dann nicht als charmante Zwischenlösung begriffen, sondern fast schon als Beleg dafür, dass man kulturell eigentlich ganz gut unterwegs sei. Nein, ist man nicht. Man verwaltet höchstens die Sehnsucht nach mehr und nennt das dann Szene.

Deshalb ist diese Geschichte gleichzeitig schön und bitter. Schön, weil zwei junge Frauen sichtbar machen, dass Ehrgeiz, Stimme und Bühnenlust nicht an Postleitzahlen scheitern müssen. Bitter, weil Schwerin aus solchen Momenten wieder nur dieselbe kleine Provinz-Euphorie ziehen wird: Seht her, Hollywood war im Keller. Als wäre das schon ein Konzept. Als wäre eine Rolltreppe automatisch sozialer Aufstieg. Als wäre es nicht längst ein Armutszeugnis, dass diese Stadt jede zufällige Glitzerfläche sofort mit Kulturpolitik verwechselt.

Quellen: Nordkurier Schwerin

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