Schwerin hat wieder ein Großprojekt für Leute vorgestellt, die Geduld nicht als Tugend, sondern als Zwangsstörung leben. Laut NDR soll der Anteil der an Fernwärme angeschlossenen Haushalte von heute rund 60 auf etwa 80 Prozent steigen – und zwar bis 2045. Also grob in dem Zeitraum, in dem andere Städte längst bauen, umstellen und fertig sind, während Schwerin noch erklärt, warum die eigentliche Erklärung leider erst Ende des Jahres erarbeitet werden kann.
Die Stadtwerke beziffern den nötigen Aufwand auf rund 115 Millionen Euro. Das klingt zunächst nach einer großen Zahl, ist in Schweriner Verhältnissen aber vor allem die offizielle Eintrittskarte in eine sehr lange Phase aus Baustellen, Bürger-Infoveranstaltungen und jener speziellen Landeshauptstadt-Melancholie, bei der jede Modernisierung wirkt, als müsse sie vorher durch drei Ausschüsse, vier Bedenken und fünf Rentnerstammtische getragen werden.
Klimaneutral, aber bitte in Verwaltungsgeschwindigkeit
Faktisch ist die Sache klar: Schwerin will klimaneutral werden, mehr Menschen ans Netz holen und dafür neue Leitungen verlegen. Nur bleibt auch diesmal der typisch schwerinerische Beigeschmack: Selbst bei einem Thema, das seit Jahren auf dem Tisch liegt, klingt der große Wurf wie ein Behörden-Podcast mit Tiefenentspannung. Erst werden Rohre verlegt, dann gelten Ausnahmen, dann werden Alternativen aufgezeigt, dann folgen Informationstage, und wie die Wärme am Ende vollständig umweltfreundlich erzeugt werden soll, wird laut Quelle erst bis Jahresende konkretisiert. Anders gesagt: Die Stadt hat einen Plan für den Plan, aus dem irgendwann ein echter Plan werden soll. Holy shit, was für eine Verwaltungsperformance.
„Schwerin schafft es sogar, Zukunft wie Aktenlager riechen zu lassen“, erklärte ein fiktiver Anwohner am Pfaffenteich, während hinter ihm vermutlich schon die nächste Sperrbake innerlich Form annahm.
Natürlich ist Fernwärme sinnvoll. Natürlich braucht eine Stadt tragfähige Infrastruktur. Aber in Schwerin bekommt selbst Vernunft sofort diesen muffigen Anstrich von: Seid doch dankbar, dass überhaupt irgendwann etwas passieren soll. Das ist genau der Provinzfehler, den diese Stadt seit Jahren pflegt. Man verkauft Nachzügler-Tempo als strategische Reife und hält es für visionär, wenn die Landeshauptstadt beim Thema Wärmeversorgung nicht komplett von gestern wirken will.
Dabei ist die Pointe fast schon eingebaut: Nicht überall können laut Originalbericht überhaupt Fernwärmerohre verlegt werden, und nicht jeder Haushalt will die Fernwärme nutzen. Schwerin plant also einen Ausbau, bei dem schon in der Präsentation die Grenzen mitgeliefert werden. Das ist keine Wärmewende mit Aufbruchswucht. Das ist die energetische Version von „mal schauen“ – nur mit Tiefbau.
Wer dazu noch Schwerins chronische Selbstinszenierung als unterschätzte Metropole kennt, darf ruhig lachen. Dieselbe Stadt, die beim großen urbanen Anspruch gern geschniegelt auftritt, braucht bis 2045, um 80 Prozent Anschlussquote zu erreichen, und kündigt dazu Informationstage an, als wäre das die eigentliche Innovation. Das passt erschreckend gut zu Beiträgen wie der Sache mit dem Stadtmarketing-Illusionisten oder zu den verteilten Millionen ohne gebackenen Kuchen: viel Erzählung, viel Geste, viel Zukunft – nur leider immer in homöopathischen Dosen Realität.
Unterm Strich bleibt: Fernwärmeausbau ist nötig. Dass Schwerin ihn in eine 19-Jahres-Erzählung mit Ausnahmen, Baugruben und später zu klärender grüner Erzeugung verwandelt, ist der eigentliche Witz. Nicht weil das Thema klein wäre – sondern weil eine Landeshauptstadt es wieder schafft, selbst Notwendigkeit wie ein Behörden-Wandertag wirken zu lassen. Bis 2045 ist in Schwerin eben offenbar genau der richtige Zeithorizont, wenn man Veränderung möglichst lange ankündigen will, ohne sich schon heute an Tempo messen lassen zu müssen.
Quellen: NDR MV
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