Gesellschaft

Facharzt in MV nur mit Tagesgepäck: Schwerin gewöhnt sich an medizinische Weltreisen

Mecklenburg-Vorpommern hat beim Thema medizinische Versorgung wieder gezeigt, wie man Mangel mit stoischer Landschaftsromantik verwechselt. Laut NDR halten 60 Prozent der 2.556 Teilnehmenden einer gewichteten #NDRfragt-Umfrage den Zugang zu Fachärzten für das größte Problem der Versorgung. 46 Prozent bewerten die Versorgungslage als eher oder sehr schlecht. Klingt dramatisch, ist für große Teile des Landes aber längst kein Skandal mehr, sondern Alltag mit Rezeptblock.

Besonders hübsch wird es, wenn man die geschilderten Wege anschaut. Eine 77-jährige Hautkrebspatientin aus Neubrandenburg bekam einen Hautarzt in Wittstock/Dosse vermittelt – rund 90 Kilometer entfernt. Wiederkehrende Untersuchungen finden teils 60 Kilometer entfernt statt, verbunden mit Bus, Bahn, Umsteigen und Wartezeiten, die laut Bericht Reisezeiten von meist mehr als neun Stunden bedeuten. Wer in MV krank wird, bekommt also mit etwas Pech nicht nur Diagnose und Überweisung, sondern gleich ein ÖPNV-Rollenspiel auf Albtraum-Niveau dazu.

Landeshauptstadt-Flair, aber bitte ohne erreichbare Fachärzte

Für Schwerin und das Umland ist die Pointe besonders bitter. Im NDR-Stück kommt auch eine Krankenschwester aus Lübstorf bei Schwerin zu Wort, die beschreibt, wie sich das System in den letzten Jahren verschlechtert habe. Dazu kommt der altbekannte Klassenwitz auf Kassenkosten: Ihr privatversicherter Mann kommt an Facharzttermine, sie als gesetzlich Versicherte nicht. Das ist nicht nur ein Gesundheitsproblem, das ist der Moment, in dem ein System ganz offen sagt: Gleich behandelt werden hier höchstens die Enttäuschungen.

„In Schwerin ist man nicht unterversorgt, man ist nur innovativ ausgelagert“, erklärte ein fiktiver Patient, der seinen Facharzt inzwischen näher an Berlin als an der eigenen Hausapotheke vermutet.

Das Absurde ist ja nicht nur der Mangel selbst, sondern die Gelassenheit, mit der er verwaltet wird. Da werden mobile Sprechstunden vorgeschlagen, mehr Zulassungen gefordert und Arztbudgets kritisiert – alles nachvollziehbar. Aber der Grundsound bleibt derselbe, den MV seit Jahren perfektioniert: viel Verständnis, viel Dialog, viel Expertengespräch, während Menschen parallel lernen, dass ein Termin beim Spezialisten ungefähr denselben Planungsaufwand braucht wie ein Wochenendtrip mit Schienenersatzverkehr.

Und Schwerin? Die Landeshauptstadt schafft es zuverlässig, gleichzeitig wichtig und provinziell zu wirken. Offiziell sitzt hier Verwaltung, Politik und Entscheidungskraft. Praktisch erleben viele Menschen rundherum eine medizinische Wirklichkeit, bei der Versorgung wie ein Glücksfall behandelt wird. Das passt erschreckend gut zu einer Stadt, in der der Arbeitsmarkt oft nur Verwaltung, Pflege oder Wegzug anbietet, und zu einem Krankenhausalltag, der schon beim Essen keinen Anlass zu übertriebenem Zukunftsglauben liefert.

Am stärksten wirkt an dem NDR-Bericht aber dieser eine Satz: Termine bei Fachärzten seien wie eine ungeplante Weltreise. Genau das ist die Provinz-Perversion an der Sache. In einer alternden Region mit langen Wegen und wachsendem Behandlungsbedarf wird medizinische Normalität zu etwas, das wie Abenteuer klingt. Und weil man sich an den Mist gewöhnt hat, erscheint schon das irgendwie organisierte Scheitern als funktionierender Zustand.

Unterm Strich bleibt: Das Problem ist nicht nur, dass Fachärzte fehlen. Das Problem ist, dass sich ein ganzes Bundesland daran gewöhnt, Zumutung als Realität zu akzeptieren, und dass selbst in Schwerins Einflusszone ein Arzttermin schnell mehr Etappen hat als manche Pauschalreise. Für eine Landeshauptstadt mit Anspruch ist das nicht bloß unerquicklich. Es ist verdammt peinlich.

Quellen: NDR MV

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