Manchmal braucht Schwerin nicht mal eine große Krise, um wie eine Stadt im Verwaltungs-Sekundenschlaf zu wirken. Es reicht schon ein kaputtes Boot an der Ziegelseepromenade. Laut tagesschau MV wurde das beschädigte Schiff am Donnerstag endlich per Kran aus dem Wasser gehoben. Endlich deshalb, weil es dort seit Januar herumlag. Willkommen in der Landeshauptstadt, wo selbst sichtbarer Schrott erstmal mehrere Monate lang als Landschaftselement getestet wird.
Aus havariert wird erstmal dauerhaft dekorativ
Der Fall ist faktisch simpel und gerade deshalb so herrlich entlarvend. Das Boot lag durch Seile gesichert an der Kaimauer, ein Grünen-Stadtvertreter warf der Verwaltung Anfang März Untätigkeit vor, zuständig war laut Bericht aber das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg. Also wieder dieses klassische Schwerin-Motiv: Alle zeigen in verschiedene Richtungen, während das Problem unbeirrt weiter herumliegt und die Stadt sich dabei zusieht, wie sie nichts beschleunigt bekommt.
Ein beschädigtes Boot an der Promenade des Schweriner Ziegelsees ist am Donnerstagvormittag von einem Kran aus dem Wasser gehoben worden.
tagesschau MV
Besonders hübsch ist, dass die Sache mit der Bergung nicht mal das Ende der Geschichte ist. Laut Bericht will sich die Schweriner Stadtverwaltung weiter mit der Ziegelseepromenade befassen, weil dort noch weitere Boote dauerhaft liegen und teilweise wirken, als seien sie längst aufgegeben worden. Mit anderen Worten: Das einzelne Gammelboot war offenbar nicht die Ausnahme, sondern eher ein Vorschaubild auf einen Uferabschnitt, der zwischen Naherholung und stiller Aufgabe pendelt.
Schwerin und das Talent, selbst Kleinkram episch altern zu lassen
Genau darin steckt die eigentliche Pointe. Andere Städte räumen Dinge weg. Schwerin veranstaltet erst Zuständigkeitslyrik, dann einen Vor-Ort-Termin und tut anschließend so, als sei die Beseitigung eines havarierten Boots schon fast ein Verwaltungswunder. Das Problem ist nicht, dass Behörden Zuständigkeiten haben. Das Problem ist, dass in Schwerin jede offensichtliche Zumutung so behandelt wird, als müsse darüber zunächst eine kleine Oper in drei Akten aufgeführt werden.
Wer am Ziegelsee spazieren geht, bekommt damit wieder die perfekt kuratierte Schwerin-Erfahrung: schöne Kulisse, Seeblick, Promenade, und mittendrin dieser penetrante Eindruck, dass die Stadt selbst bei offenkundigen Missständen erst dann aufwacht, wenn sie längst zum running gag geworden sind.
Quellen: tagesschau MV
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