Berlin. Die Stadt, die immer kann, was der Rest von Deutschland nicht kann. Oder vielleicht doch nicht? Der Erweiterungsbau der Neuen Nationalgalerie – Berlin Modern, wie es im Jargon heißt – verzögert sich um mehrere Jahre. Grund: Feuchtigkeit und Schimmel im Rohbau. Die Architekten Herzog & de Meuron, die auch die Elbphilharmonie in Hamburg gebaut haben, müssen nacharbeiten. Die Eröffnung verschiebt sich auf 2030.
Berlin, 3,7 Millionen Einwohner, mehr als 200 Museen, ein Haushalt, der sich vor kultureller Großmannssucht kaum retten kann. Und selbst dort: Verzögerung. Schimmel. Unplanbarkeit. Das ist, wenn man so will, die Ehrlichkeit einer Metropole. Sie versucht Großes und scheitert an Kleinigkeiten. Das unterscheidet sie von Schwerin.
Schwerin baut nichts – aber wenigstens verzögert sich nichts
Denn Schwerin? Schwerin baut nicht. Punkt. Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern mit ihren 96.000 Einwohnern hat kein Berlin-Problem. Schwerin hat kein Hamburger Problem. Schwerin hat nicht mal ein Problem mit Feuchtigkeit im Museum, weil Schwerin kein neues Museum baut. Die Frage, ob der Marstall ein Konzertsaal wird oder eine Eventlocation oder ein Coworking-Space oder irgendein Mix aus allem, wird seit Jahren in Gremien gewälzt – wie bei jeder anderen Infrastrukturdebatte auch. Ohne Ergebnis. Ohne Zeitdruck. Ohne Schimmel, aber auch ohne Berufung.
Ich beneide Berlin nicht um die Verzögerung. Ich beneide Berlin darum, dass es ein Projekt hat, das so groß ist, dass es even delayed werden kann. In Schwerin plant man nicht mal. – Ein Schweriner Architekt, der lieber nicht mit Namen in der Zeitung stehen will, da er noch Aufträge von der Stadt erwartet
Die Landeshauptstadt als kulturelle Brache
Was Berlin mit dem Neubau der Nationalgalerie erlebt – eine Verzögerung um Jahre, Schimmel im Rohbau, ein Prestigeprojekt, das selbst unter Budget- und Zeitproblemen leidet – ist in gewisser Weise ein Luxusproblem. Es zeigt: Berlin versucht es wenigstens. Berlin baut. Berlin plant. Berlin investiert Hunderte Millionen in seine kulturelle Infrastruktur.
Schwerin? Schwerin schaut auf Berlin und denkt: Feuchtigkeit, Schimmel, Verzögerung – wie unprofessionell. Und merkt nicht, dass diese „Unprofessionalität“ einer Stadt bedeutet, die den Mut hat, überhaupt anzufangen. In Schwerin gibt es niemanden, der den Mut hat, irgendwo anzufangen. Der Marstall steht. Die Pläne schwelen. Das Übel unserer Zeit ist nicht der Schimmel – es ist die Abwesenheit von jedem Versuch.
Berlin hat 200 Museen und baut ein neues. Schwerin hat den Marstall seit 20 Jahren auf der Agenda und kommt nicht über eine Machbarkeitsstudie hinaus. Das ist der Unterschied zwischen einer Stadt, die zu groß denkt, und einer, die zu klein denkt. Beides ist ein Problem. Nur ist eines davon teurer.
2030 wird Berlin Modern eröffnen. Mit Feuchtigkeitsschäden, die dann hoffentlich behoben sind. Mit einer Verzögerung, die man als Berliner als Versagen oder als Ehrlichkeit nehmen kann. In Schwerin wird man 2030 immer noch über den Marstall diskutieren. Nur wird es dann niemanden mehr interessieren.
Foto: A.Savin / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Quellen: DER SPIEGEL
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