In einer Stadt, die seit Jahrzehnten den friedlichen Niedergang perfektioniert hat, scheint nun auch der Wahlkampf seinen ganz eigenen Verwesungsprozess zu durchlaufen. 19 Strafanzeigen hat die Polizei bislang im Zusammenhang mit der Oberbürgermeisterwahl am 12. April aufgenommen. Sachbeschädigungen, Beleidigungen, Volksverhetzung. Der ganz normale Umgangston in einer Landeshauptstadt, die sonst um 21 Uhr das Licht ausmacht.
Die Bilanz liest sich wie der Straftatenkatalog eines besonders ambitionierten Wochenendes im Großen Dreesch: 43 Großplakate der AfD wurden komplett zerstört, dem Wahlkreisbüro von Petra Federau am Bürgermeister-Bade-Platz wurden gleich zweimal die Scheiben eingeschlagen. Die CDU-Fensterfront in der Friedrichstraße wurde mit Farbe beschmiert. Und SPD-Kandidatin Mandy Pfeifer darf sich über ein Plakat mit Durchschuss sowie eine Großfläche freuen, der jemand die Augen ausgeschnitten hat. Letzteres klingt weniger nach politischem Protest und eher nach dem dritten Akt eines mittelmäßigen Psychothrillers.
Staatsschutz ermittelt: Schwerin endlich bundesweit relevant
Für eine Stadt, die es normalerweise nur in die Schlagzeilen schafft, wenn der Pfaffenteich umkippt oder ein neues Café nach drei Monaten wieder schließt, dürfte die Einschaltung des Staatsschutzes so etwas wie ein Ritterschlag sein. Volksverhetzendes Plakatmaterial tauchte in der Nacht zum 5. März an Laternenmasten in den Stadtteilen Göhrener Tannen und Großer Dreesch auf. Zwei junge Männer wurden bereits am 18. März auf frischer Tat beim Besprühen eines CDU-Plakats in der Knaudtstraße ertappt — Schwerins lebendigste Form der Jugendbeteiligung seit der BUGA 2009.
Wahlkampf sollte fair und respektvoll bleiben.
Mandy Pfeifer (SPD), deren Plakat mit einem Durchschuss dekoriert wurde
Schwerins OB-Wahlkampf 2026 hat damit offiziell mehr Strafanzeigen als Kinos, mehr Sachbeschädigungen als Clubs und mehr Vandalismus als Perspektiven für unter 30-Jährige. Die 98.308 Einwohner, die noch nicht weggezogen sind, dürfen sich fragen, ob die Energie, die hier in nächtliche Farbattacken und Plakatzerstörung fließt, nicht sinnvoller investiert wäre. In einen zweiten Club zum Beispiel. Oder eine Busverbindung nach 20 Uhr.
Wer zerstört, hat verstanden
Man könnte argumentieren, dass die systematische Zerstörung von Wahlplakaten ein zutiefst demokratiefeindlicher Akt ist. Man könnte aber auch argumentieren, dass Schwerin damit endlich ehrlich mit sich selbst ist. Eine Stadt, die seit der Wende 30.000 Einwohner und jede Hoffnung auf einen ICE-Anschluss verloren hat, zerlegt jetzt konsequent auch noch den letzten Anschein demokratischer Normalität. Wenigstens ist man hier konsequent im Niedergang.
AfD-Kandidatin Federau erklärte, man habe versucht, die Plakate so weit wie möglich zu ersetzen. Ein Satz, der auch als Motto über dem gesamten Schweriner OB-Wahlkampf stehen könnte: „Wir haben versucht, es zu ersetzen.“ Das Schloss. Die Einwohner. Die Zukunft. Bisher mit überschaubarem Erfolg.
Am 12. April wählt Schwerin. Bis dahin werden vermutlich noch ein paar Plakate dran glauben müssen. Aber immerhin: In einer Stadt, die kulturell um 21 Uhr einschläft, ist es beruhigend zu wissen, dass wenigstens die Vandalen Nachtschicht schieben.
Quellen: Nordkurier
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