Schwerin. Nachdem die Landeshauptstadt für 2026 Investitionen in Straßen, Schienen, Leitungen, Gehwege und Radwege in Millionenhöhe angekündigt hat, zieht die Verwaltung jetzt die einzig ehrliche Konsequenz aus jahrelanger kommunaler Tiefbau-Folklore: Ab Mai soll in Schwerin ein offizieller Baustellenführerschein eingeführt werden. Wer sich künftig ohne nachgewiesene Umleitungskompetenz zwischen Ludwigsluster Chaussee, Wismarscher Straße und Karl-Marx-Allee bewegt, gilt laut Entwurf als verkehrsgefährdende Fremdperson.
Das neue Dokument, intern als BF Klasse S geführt, soll alle Einwohner dazu befähigen, spontane Sperrungen, halbherzige Beschilderung und jene orangefarbenen Bake-Arrangements zu verstehen, die in Schwerin seit Jahren die Rolle eines zweiten Stadtwappens übernommen haben. Wer den Schein erwerben will, muss einen Theorieblock bestehen, in dem unter anderem die Frage beantwortet werden muss, warum eine Straße in Schwerin niemals wirklich gesperrt ist, sondern nur in einen höheren Zustand der Unbefahrbarkeit übergeht.
Umleitung wird offizieller Teil der Stadtidentität
Wie aus dem Rathaus verlautete, reagiere man mit dem Vorhaben auf die wachsende Zahl überforderter Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger, die noch immer der naiven Annahme anhingen, Straßen dienten in erster Linie der Fortbewegung. In Schwerin hingegen hätten Straßen längst eine deutlich größere kulturelle Funktion: Sie seien Kulisse, Dauerexperiment und pädagogische Strafarbeit zugleich. Schon heute gilt es in der Landeshauptstadt als realistische Kernkompetenz, morgens über eine Route zur Arbeit zu verfügen, die mittags nicht mehr existiert.
Wir wollen, dass Bürgerinnen und Bürger Baustellen nicht länger als Störung, sondern als verlässliche Form kommunaler Kontinuität begreifen. Andere Städte haben Orientierungssysteme. Wir haben Erfahrungswerte.
so oder so ähnlich Baukoordinatorin Hannelore Pflock, Dezernat für fließende Behinderung
Besonders stolz sei die Stadt auf den praktischen Teil der Prüfung. Dieser besteht laut Unterlagen daraus, innerhalb von 22 Minuten vom Hauptbahnhof zum Marienplatz zu gelangen, ohne dabei dieselbe Verkehrsführung zweimal zu erleben. Bonuspunkte erhalten Teilnehmer, wenn sie unterwegs noch eine improvisierte Absperrung erkennen, die seit 14 Monaten exakt dort steht, ohne dass irgendein Mensch sagen könnte, was dahinter jemals geplant war. Wer zusätzlich den Unterschied zwischen mysteriösen Absperrungen am Pfaffenteich und regulärem Tiefbau benennen kann, darf direkt zur mündlichen Prüfung.
Dort müssen Prüflinge unter anderem auf Kartenmaterial aus dem Jahr 2009 zeigen, an welchen Stellen Schwerin seit der BUGA wenigstens optisch so tut, als sei Fortschritt geplant. Ein Schwerpunkt liegt auf der Fähigkeit, Hoffnung von Asphalt zu trennen. Das gilt als anspruchsvoll, weil die Verwaltung seit Jahren jede Maßnahme wie einen historischen Aufbruch verkauft, obwohl am Ende meist nur dieselben Bordsteine in einem frischeren Grauton zurückbleiben. Wer dann noch glaubt, die Stadt sei auf dem Weg zur Mobilitätswende, hat den Test zwar emotional bestanden, fachlich aber endgültig verloren.
Ortsfremde sollen vor sich selbst geschützt werden
Nach dem Willen der Verwaltung soll der Baustellenführerschein zunächst für Einheimische gelten. Perspektivisch sei aber geplant, auch Pendler aus dem Umland und besonders optimistische Touristen zu schulen. Als Problemgruppe gelten Menschen aus Städten, in denen eine Umleitung tatsächlich wieder aufgehoben wird. Diese kämen nach Schwerin mit einem völlig falschen Infrastrukturverständnis an und gefährdeten den Ablauf durch spontane Erwartungen an Logik, Reihenfolge oder Zielorientierung.
Ein Sprecher der eigens eingerichteten Arbeitsgemeinschaft Freie Fahrt durch geregelte Aussichtslosigkeit erklärte, Schwerin wolle damit endlich als das wahrgenommen werden, was es längst sei: eine Landeshauptstadt, die aus jeder Straßensanierung ein Langzeitformat macht. Während andere Städte Millionen investieren, um Wege kürzer zu machen, investiere Schwerin in das gute alte Gefühl, dass man es mit genügend Planung vielleicht irgendwann bis zur nächsten Kreuzung schafft. Erst gestern mussten Autofahrer wieder erleben, wie die nächste Kreuzung gesperrt wurde und das Systemversagen live mitspielte. Nun bekommt das Chaos wenigstens einen amtlichen Rahmen.
Auch wirtschaftlich verspreche man sich viel. Fahrschulen sollen Spezialkurse anbieten, Seniorenbeiräte Patenschaften für besonders traditionsreiche Bauzäune übernehmen und der Stadtmarketing-Verbund prüft bereits, ob sich der Baustellenführerschein als Souvenir vermarkten lässt. Gedacht ist an eine Premium-Variante aus Hartplastik mit Goldprägung und dem Slogan: „Ich habe Schwerin durchquert und lebe noch.“ Parallel werde erwogen, den bisherigen Einwohnerausweis mit dem Nachweis zu koppeln, dass man mindestens drei zusammenhängende Monate ohne psychischen Schaden an der Ludwigsluster Chaussee verbracht habe.
Im Rathaus geht man davon aus, dass das Projekt bundesweit Schule machen könnte – allerdings nur dort, wo Provinzialität, Verwaltungsromantik und eine fast religiöse Hingabe an die eigene Langsamkeit ähnlich konsequent gepflegt werden wie in Schwerin. Bis dahin bleibt der Baustellenführerschein vor allem eines: die erste Maßnahme dieser Stadt, die ihre eigentliche Wahrheit nicht einmal mehr versteckt. Bürgerticket, Fahrradparkhaus, Dauerumleitung – Schwerin baut sich seine Zukunft wie immer aus Schildern, Ausschüssen und betreutem Stillstand zusammen. Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.
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