Am 27. Oktober 1990 stimmten 40 Landtagsabgeordnete für Schwerin, 25 für Rostock, einer enthielt sich. Damit wurde die kleinste aller deutschen Landeshauptstädte geboren. 36 Jahre später muss man fragen: War das die richtige Entscheidung? Oder bloß die bequemste?
Die Geschichte ist schnell erzählt: Nach der Wende brauchte das neu gegründete Mecklenburg-Vorpommern eine Hauptstadt. Rostock war die größte Stadt, hatte die Universität seit 1419, den Hafen, die Wirtschaftskraft. Schwerin hatte: Tradition. Die Stadt war bereits von 1952 bis 1990 Bezirkshauptstadt gewesen, und davor jahrhundertelang Residenzstadt der mecklenburgischen Herzöge. Das Schloss bot sich als Landtagssitz an. Die CDU-Fraktion, die damals die Mehrheit hatte, favorisierte Schwerin. Und so wurde es Schwerin.
Tradition vs. Zukunft
Das Argument „Tradition“ hat 1990 funktioniert. Aber Tradition allein ernährt keine Stadt. Schwerin hat heute 98.308 Einwohner, Rostock über 210.000. Schwerin hat keine Universität, Rostock hat eine der ältesten im gesamten Ostseeraum. Schwerin hat Verwaltung und Pflege als Wirtschaftsbasis, Rostock hat Hafen, Tourismus, maritime Wirtschaft, Forschung und eine wachsende Start-up-Szene. Schwerin schrumpft seit 30 Jahren, Rostock wächst.
Die Frage ist nicht, ob Schwerin eine hübsche Stadt ist. Ist es. Das Schloss ist schön, der See ist groß, die Schelfstadt hat Charme. Aber „hübsch“ ist kein Argument für eine Hauptstadtfunktion. Die Frage ist: Erfüllt Schwerin diese Funktion? Und wenn man ehrlich ist: kaum noch.
„Schwerin als Landeshauptstadt ist so, als würde man seinen Firmensitz in die Garage verlegen, weil Opa da schon immer sein Auto stehen hatte.“
So oder so ähnlich ein Rostocker, der nicht ganz unvoreingenommen ist
Was eine Landeshauptstadt leisten sollte
Eine Landeshauptstadt sollte das Land repräsentieren. Sie sollte Anziehungspunkt sein für Fachkräfte, Investoren, Kulturschaffende. Sie sollte verkehrlich gut angebunden sein. Sie sollte eine gewisse Strahlkraft haben, nach innen wie nach außen.
Schwerin hat keinen ICE-Anschluss. Die vier Straßenbahnlinien sind ein Witz für eine Hauptstadt. Es gibt kein Nachtleben, keine freie Kulturszene, keinen einzigen Club. Die digitale Infrastruktur ist auf dem Stand von 2014. Die Medienlandschaft besteht aus einer einzigen Zeitung. Die jungen Leute ziehen weg, die alten bleiben, und die Stadt feiert es als Erfolg, wenn 127 Menschen zuziehen.
Rostock hingegen ist nicht nur doppelt so groß. Die Stadt ist lebendiger, jünger, wirtschaftlich stärker und international sichtbarer. Die Hanse Sail allein bringt mehr Aufmerksamkeit als alles, was Schwerin in einem ganzen Jahr zusammenkratzt. Warnemünde zieht mehr Touristen an als Schwerin in zwei Stunden abfertigen kann.
Warum sich trotzdem nichts ändert
Natürlich wird Schwerin Landeshauptstadt bleiben. Eine Verlegung wäre politisch unmöglich, finanziell aufwändig und würde Schwerin den letzten Lebensfaden kappen. Der Landtag sitzt im Schloss, die Ministerien sind verteilt, die Strukturen stehen. Man reißt keine Hauptstadt um, nur weil die logischere Wahl 80 Kilometer nördlich liegt.
Aber man darf es aussprechen: Schwerin ist Landeshauptstadt, weil es 1990 so entschieden wurde. Nicht weil es 2026 noch Sinn ergibt. Die Stadt lebt von einer Entscheidung, die älter ist als die meisten ihrer Probleme. Und während Rostock wächst, forscht und baut, verwaltet Schwerin sein Schloss, seinen Titel und seine Erinnerung an die BUGA 2009.
Das ist nicht gemein. Das ist einfach die Realität einer Stadt, die ihren Status der Geschichte verdankt und nicht der Gegenwart. Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.
Bildquelle: PLuebbert / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
