Klartext

Shopping in Schwerin: Schlosspark-Center oder… Schlosspark-Center

Stell dir vor, du wohnst in einer Landeshauptstadt und willst shoppen gehen. In München fährst du in die Maximilianstraße, in Hamburg auf die Mö, in Berlin in einen von 47 verschiedenen Kiezen mit eigenem Charakter. In Schwerin fährst du ins Schlosspark-Center. Oder du fährst ins Schlosspark-Center. Dritte Option: Schlosspark-Center.

Das Schlosspark-Center, eröffnet 1998, ist mit 120 Geschäften auf 20.000 Quadratmetern das unangefochtene Einkaufs-Monopol der Stadt. Die Webseite nennt es das „pulsierende Herz der Landeshauptstadt“. Pulsierend ist hier relativ. Wenn man von der Herzfrequenz eines winterschlafenden Igels ausgeht, könnte es hinkommen.

Die Shopping-Wüste im Überblick

Zur Einordnung: Schwerin hat genau zwei Einkaufszentren. Das Schlosspark-Center in der Innenstadt und das Sieben-Seen-Center im Süden, mit rund 50 Geschäften auf 28.000 Quadratmetern, wobei die Hauptanker dort Kaufland und Adler Modemarkt heißen. Adler Modemarkt. Das ist ungefähr so aufregend wie Sonntagabend-Fernsehen auf dem ZDF.

Dazu kommt die Marienplatz-Galerie, die 2012 eröffnet wurde und den umliegenden Einzelhandel nicht etwa belebt, sondern systematisch kannibalisiert hat. Das Resultat: Ein Drittel der Geschäfte rund um den Marienplatz ist heute dicht. Leere Schaufenster mit Mietgesuchen, die seit Monaten niemand beantwortet.

„Ich sage meinen Freunden in Hamburg immer: Wir haben auch ein Shopping-Center! Die fragen dann: Und was noch? Dann wird es still.“

So oder so ähnlich eine Schwerinerin beim Kaffee in der Schelfstadt

Kein IKEA. Kein Primark. Kein gar nichts.

Schwerin hat kein IKEA. Das nächste steht in Rostock oder Lübeck, beides eine gute Stunde entfernt. Kein Primark. Kein Uniqlo. Kein Apple Store (natürlich nicht). Die großen Einzelhandelsketten, die in jeder Großstadt selbstverständlich sind, machen um Schwerin einen weiten Bogen. Verständlich: 98.308 Einwohner mit einem Durchschnittsalter von 47,6 Jahren sind nicht gerade die Zielgruppe, für die sich ein neuer Flagship-Store lohnt.

Was bleibt, ist eine Innenstadt, die nach 18 Uhr wie evakuiert wirkt und deren Einzelhandel aus den ewig gleichen Ketten besteht: Deichmann, Rossmann, dm, Douglas. Das Kaufhaus Kressmann existiert noch, zielt aber mit chirurgischer Präzision auf die Zielgruppe 65+ und ist berüchtigt für Umkleidekabinen, in denen das Licht jede Lebensentscheidung in Frage stellt.

Der Vergleich, der wehtut

Rostock hat den KTC (Kröpeliner Tor Center), die Kröpeliner Straße als Bummelmeile, dazu das Ostseecenter in Sievershagen. Lübeck hat eine historische Altstadt mit inhabergeführten Boutiquen. Selbst Wismar, mit seinen 42.000 Einwohnern, bietet gemessen an der Größe mehr Abwechslung beim Einkaufen als die Landeshauptstadt.

In Schwerin gibt es keine Einkaufsstraße im klassischen Sinne. Die Mecklenburgstraße und die Schloßstraße haben ein paar Läden, ja. Aber eine zusammenhängende Shopping-Meile, auf der man flaniert und spontan in Geschäfte stolpert? Fehlanzeige. Man geht ins Schlosspark-Center oder man bestellt bei Amazon. Andere Optionen hat Schwerin nicht vorgesehen.

Eine Landeshauptstadt, deren gesamtes Shopping-Erlebnis in einem einzigen Gebäude stattfindet. Das ist kein Einzelhandelskonzept. Das ist die Definition von Abhängigkeit. Wenn das Schlosspark-Center morgen schließen würde, hätte Schwerin nicht nur ein Shopping-Problem. Schwerin hätte keins mehr.

Bildquelle: Thomas Kohler / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

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