Kurioses

Sebastian Ehlers will jetzt Miteinander – nach 20 Jahren in der Schweriner Politik fragt sich die Stadt: Was war vorher?

Schwerin, die Landeshauptstadt der späten Einsichten, erlebt gerade einen bemerkenswerten Moment politischer Selbstfindung. Sebastian Ehlers, CDU-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters, wirbt auf großen Stroeer-Digitalscreens in der Innenstadt mit dem Slogan: „Miteinander. JETZT!“

Jetzt. Nicht frueher. Nicht in den letzten 20 Jahren, in denen Ehlers die Schweriner Politik aktiv mitgestaltet hat. Nicht während seiner zehn Jahre als CDU-Fraktionsvorsitzender in der Stadtvertretung (2009-2019). Nicht als Stadtpraesident seit 2019. Nicht als Landtagsabgeordneter. Nicht als Aufsichtsratsmitglied bei Helios Kliniken, beim FC Mecklenburg, bei der städtischen Beteiligungsgesellschaft. Nein – jetzt.

„Das Wort ‚jetzt‘ impliziert ja, dass es vorher kein Miteinander gab“, analysiert ein Politikwissenschaftler, der namentlich nicht genannt werden moechte, weil er in Schwerin noch einkaufen muss. „Die Frage ist: Wer hat denn die letzten zwei Jahrzehnte in Entscheidungspositionen gesessen? Ach ja. Genau.“

Besonders pikant: Die Kampagne läuft nicht nur auf klassischen Großflächenplakaten, sondern auf professionellen Stroeer-Digitalscreens mitten in der Fußgängerzone. Das ist kein handgemaltes Transparent am Gartenzaun – das ist eine durchfinanzierte Werbekampagne mit Budget. Für einen Slogan, der im Grunde sagt: Bisher lief es nicht so mit dem Zusammenhalt.

Und dann wäre da noch das Gesicht neben Ehlers auf dem Plakat: Martin Neuhaus. Gruenen-Mitglied. Schauspieler. Bekannt aus Film und Fernsehen. Er haelt das Ehlers-Plakat in die Kamera wie ein Fan sein Autogramm und lächelt dazu, als hätte er gerade die Rolle seines Lebens bekommen. „Der Beste für ZUSAMMEN“, steht daneben.

Ein Gruener, der für die CDU wirbt. In Schwerin überrascht das niemanden mehr. Der Kreisverband der Gruenen hat sich von Neuhaus‘ Solo-Aktion bereits distanziert, aber das Plakat hängt trotzdem. Beziehungsweise: Es leuchtet. Digital. In der ganzen Innenstadt.

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, kommentiert ein älterer Herr, der das Plakat auf dem Marienplatz betrachtet. „Das war im Mittelalter so und ist 2026 nicht anders. Nur dass die Minnesänger heute auf LED-Screens singen.“

Sebastian Ehlers selbst sieht das natürlich anders. Miteinander sei keine Kritik an der Vergangenheit, sondern ein Versprechen für die Zukunft, heisst es aus seinem Wahlkampfteam. Eine Zukunft, in der alles anders werden soll. Nach 20 Jahren in der Politik.

Schwerin kennt solche Versprechen. Die Stadt hat in den letzten Jahren gelernt, dass „Jetzt“ in der Lokalpolitik ein dehnbarer Begriff ist. Manchmal bedeutet es nächstes Jahr. Manchmal nächstes Jahrzehnt. Und manchmal bedeutet es: wenn die Plakate abgehängt sind und niemand mehr hinschaut.

Die OB-Wahl ist am 12. April. Bis dahin leuchtet „Miteinander. JETZT!“ weiter auf den Stroeer-Screens. Eine taegliche Erinnerung daran, dass 20 Jahre offenbar nicht gereicht haben, um damit einfach mal anzufangen.

Quelle: Nordkurier

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