Klartext

Schwerins Social Media: 3.000 Follower für eine Landeshauptstadt

Es gibt Städte, die auf Instagram eine Marke sind. Berlin, Hamburg, München, selbst Flensburg hat mehr digitale Strahlkraft als Schwerin. Die offizielle Instagram-Präsenz der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns dümpelt bei rund 3.000 Followern. Dreitausend. Das schaffen manche Katzenaccounts in einer Woche.

Dabei hat Schwerin sogar mehrere Accounts: @visitschwerin (die Tourist-Info, ca. 11.000 Follower), @schwerinlive (das Stadtmagazin, ca. 9.000), @lebenshauptstadt (ca. 3.000) und @schwerinmeinestadt (ca. 12.000, ein privater Fan-Account). Zusammengerechnet kommen alle Schwerin-Accounts auf weniger Follower als ein einzelner Döner-Influencer aus Düsseldorf. Die Engagement-Rate? Reden wir nicht drüber. 50 bis 150 Likes pro Post dürften es im Schnitt sein, wenn überhaupt.

Digitale Unsichtbarkeit als Prinzip

Zum Vergleich: Potsdams offizielle Accounts kommen auf über 30.000 Follower. Erfurt knackt locker die 25.000. Selbst Magdeburg, mit dem man sich in Sachen Tristesse durchaus messen kann, schafft das Doppelte. Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt, die auf Social Media weniger Reichweite hat als die durchschnittliche Bäckerei-Kette in Schleswig-Holstein.

Die Stadt hat zwar offiziell Facebook, Instagram und LinkedIn, das steht sogar auf schwerin.de unter „Pressestelle/Social Media“. Man fragt sich nur: Was genau posten die da? Und vor allem: Wer sieht es? Die Pressemitteilungen der Stadtverwaltung, umformatiert für Instagram, mit einem Bild vom Pfaffenteich bei Sonnenuntergang? Innovation sieht anders aus.

„Ich folge @visitschwerin seit zwei Jahren. Manchmal frage ich mich, ob die wissen, dass Instagram keine digitale Broschüre ist.“

So oder so ähnlich ein Schweriner, der seinen Namen nicht nennen wollte

Das Problem ist nicht das Tool, sondern die Stadt

Man könnte jetzt sagen: Ist doch egal, Social Media ist nicht alles. Stimmt. Aber Social Media ist heute das Schaufenster einer Stadt. Es ist der erste Berührungspunkt für junge Menschen, die überlegen, wohin sie ziehen. Für Touristen, die ihren nächsten Trip planen. Für Fachkräfte, die googeln, wie es in einer Stadt so aussieht. Und Schwerins Schaufenster ist dunkel, verstaubt und hat sonntags zu.

Die digitale Unsichtbarkeit ist kein Zufall. Sie ist ein Symptom. Eine Stadt, die digital im Jahr 2014 steckengeblieben ist, die Meldebescheinigungen per Post verschickt und deren Durchschnittsalter bei 47,6 Jahren liegt, hat naturgemäß kein Talent-Pool für knackige Reels und virale Hooks. Wer soll den Content machen? Der Dezernent für Öffentlichkeitsarbeit?

Rostock hat mit der Universität, der Hanse Sail und dem Warnemünder Strand Content-Gold. Schwerin hat das Schloss. Ein Schloss. Das gleiche Schloss. Bei Regen, bei Sonne, bei Schnee, bei Nebel. Irgendwann hat man jeden Winkel fotografiert. Die Content-Ideen gehen einem schneller aus als die Einwohner.

Was andere Städte vormachen

Heidelberg (160.000 Einwohner) hat eine eigene Social-Media-Redaktion. Lübeck macht TikTok. Flensburg postet Memes über sich selbst. Selbst Stralsund, eine Stadt mit 60.000 Einwohnern in MV, schafft es, auf Instagram präsenter zu sein als die eigene Landeshauptstadt. Das ist, als würde der Praktikant den Chef in der Firmenpräsentation übertreffen.

Das Problem ist systemisch: Schwerin hat kein Stadtmarketing, das diesen Namen verdient. „Metropole am Wasser“ steht in den Broschüren, aber im digitalen Raum, wo 2026 tatsächlich Stadtmarketing stattfindet, ist man so präsent wie der Schweriner ÖPNV nach 20 Uhr: praktisch nicht existent.

3.000 Follower für eine Landeshauptstadt. Das ist keine Social-Media-Strategie. Das ist eine Bankrotterklärung. Aber hey, wenigstens hat man auf schwerin.de einen Link zur Instagram-Seite. Fortschritt.

Bildquelle: Sanket Mishra / Unsplash

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