9,22 Euro pro Quadratmeter. Das ist der durchschnittliche Mietpreis in Schwerin. In München zahlt man 22,86 Euro, in Berlin über 15, in Hamburg knapp 14. In Schwerin? Unter zehn Euro. Klingt nach Paradies. Ist es aber nicht.
Denn billige Mieten sind kein Qualitätsmerkmal. Billige Mieten sind ein Symptom. Sie sagen: Hier will niemand hin. Der Markt lügt nicht. Wenn eine Landeshauptstadt günstiger ist als Lüneburg, Göttingen oder Flensburg, dann nicht, weil Schwerin ein Geheimtipp ist, sondern weil der Markt genau weiß, was er an Schwerin hat: wenig.
Die Geografie der Mieten
Innerhalb Schwerins gibt es natürlich Unterschiede. Die Schelfstadt, das einzige Viertel mit urbanem Flair, kratzt an der 11-Euro-Marke. Sanierte Altbauten, Kopfsteinpflaster, zwei Cafés. Dafür gibt es im Großen Dreesch oder Mueßer Holz Plattenbauwohnungen für unter 6 Euro kalt. Vier Zimmer, 75 Quadratmeter, Balkon mit Blick auf den nächsten Plattenbau. Warm unter 500 Euro. Klingt wie 2005. Ist 2026.
„Die Miete ist super. Ich zahl 380 Euro warm für 60 Quadratmeter. Aber der nächste Supermarkt hat um acht zu, der Bus fährt ab 20 Uhr im 40-Minuten-Takt, und mein Nachbar links ist 78, mein Nachbar rechts ist 82.“
So oder so ähnlich beschreiben jüngere Bewohner der Plattenbausiedlungen ihren Alltag
Im Landesvergleich der Mieten ist Schwerin die günstigste Landeshauptstadt Deutschlands. Die kleinste sowieso. Die Mieten sind zwischen 2019 und 2025 um 9,1 Prozent gestiegen. Das klingt nach viel, bis man erfährt, dass Leipzig im gleichen Zeitraum zweistellig zulegte. Schwerin steigt langsamer, weil weniger Leute kommen. Und weniger Leute kommen, weil es keinen Grund gibt zu kommen.
Das Dilemma
Steigende Mieten sind ein Problem. Aber stagnierende Mieten in einer schrumpfenden Stadt sind ein größeres. Sie bedeuten: sinkende Steuereinnahmen, verfallende Bausubstanz, Investoren die woanders bauen. In Leipzig, Dresden, selbst in Erfurt wird gebaut, saniert, verdichtet. In Schwerin stehen im Dreesch ganze Blöcke halb leer, und die Wohnungsgesellschaft überlegt, ob Rückbau nicht billiger wäre als Instandhaltung.
Die Stadt feiert ihre niedrigen Mieten gelegentlich als Standortvorteil. „Bezahlbarer Wohnraum“ steht dann in Broschüren, als wäre es eine bewusste politische Entscheidung und nicht schlicht das Ergebnis von 30.000 verlorenen Einwohnern seit 1990.
Man kann in Schwerin billig wohnen. Das stimmt. Man kann auch in einer leeren Halle billig Platz mieten. Die Frage ist nur, ob man das möchte. Und die Antwort gibt der Markt jeden Tag aufs Neue: eher nicht.
Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.
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