Politik

Schwerins neue Verwaltungs-KI empfiehlt als erste Amtshandlung ihre eigene Abschaltung

Die Landeshauptstadt Schwerin hat Geschichte geschrieben. Als eine von 17 Kommunen nimmt sie am bundesweiten „Agentic AI Hub“ des Digitalministeriums teil und setzt erstmals Künstliche Intelligenz in der Verwaltung ein. Nach 72 Stunden Analyse sämtlicher Verwaltungsprozesse hat der Algorithmus seine erste und einzige Empfehlung abgegeben: sich selbst wieder abzuschalten.

„Die KI hat alle 4.300 dokumentierten Verwaltungsvorgänge der letzten fünf Jahre durchforstet“, erklärt Esther Hansen, Fachgruppenleiterin für Informations- und Kommunikationstechnik. „Das Ergebnis war ein einzelner Satz: Empfehlung: System herunterfahren. Kein optimierbarer Prozess gefunden, der nicht an einer politischen Entscheidung scheitert, die seit mindestens acht Jahren vertagt wird.

Upload-Geschwindigkeit reichte nur für halbe Analyse

Erschwerend kam hinzu, dass die KI für die Analyse der Aktenlage deutlich länger brauchte als geplant. Der Upload der digitalisierten Dokumente aus dem Stadthaus dauerte bei 2,4 Mbit pro Sekunde in der Weststadt knapp 40 Stunden statt der veranschlagten 20 Minuten. „Wir mussten den Algorithmus zwischendurch dreimal neu starten, weil die Verbindung abgebrochen ist“, gibt Hansen zu. „Beim vierten Versuch hat die KI selbstständig eine Beschwerde an die Telekom formuliert. Die wurde leider nie abgeschickt, weil der Upload der E-Mail nicht durchging.“

Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum zeigte sich dennoch optimistisch. „Die Teilnahme am Agentic AI Hub ist für die Landeshauptstadt Schwerin ein weiterer Schritt auf dem Weg einer modernen Verwaltung“, sagte er in einer Pressemitteilung, die offensichtlich vor dem Ergebnis der KI-Analyse verfasst wurde.

Die KI hat vorgeschlagen, den effizientesten Verwaltungsakt der letzten Dekade zu wiederholen: die Vertagung der Digitalisierungsstrategie auf das nächste Quartal. Diesmal allerdings automatisiert.

Dr. Tobias Grünwald, Dezernent für digitale Transformation und analoge Resignation

KI identifiziert häufigsten Verwaltungsvorgang

Immerhin konnte die KI vor ihrer Selbstabschaltungsempfehlung einige statistische Erkenntnisse liefern. Der mit Abstand häufigste Verwaltungsvorgang in Schwerin sei demnach „Weiterleitung an zuständige Stelle“ gewesen, gefolgt von „Rückverweisung an ursprüngliche Stelle“ und „Vertagung auf unbestimmte Zeit“. Zusammen machten diese drei Vorgänge 73 Prozent aller dokumentierten Aktivitäten aus.

Besonders bemerkenswert: Die KI identifizierte 14 Vorgänge, die seit 2019 ununterbrochen zwischen zwei Ämtern hin- und hergeschoben werden, ohne dass jemals eine Entscheidung gefallen ist. „Das ist keine Bürokratie“, kommentierte die KI in ihrem Abschlussbericht. „Das ist ein Perpetuum mobile. Physikalisch eigentlich unmöglich, verwaltungstechnisch offenbar Standard.“

Das Partnerunternehmen Summ AI teilte mit, man werde die Ergebnisse aus Schwerin „mit großem Interesse“ auswerten. Es sei das erste Mal in der Firmengeschichte, dass eine KI die Zusammenarbeit von sich aus beendet habe. In den 16 anderen teilnehmenden Kommunen laufe das Programm planmäßig. „Aber die hatten auch alle Glasfaser“, so ein Sprecher.

Die Schweriner Verwaltung prüft derzeit, ob sie den Vorfall als Erfolg in die nächste Pressemitteilung zum Thema Digitalisierung aufnehmen kann. Eine Entscheidung wird für das dritte Quartal 2027 erwartet.

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