SCHWERIN – Während andere Städte an autonomen Fahrzeugen und Smart-City-Konzepten arbeiten, setzt Schwerin auf das Wesentliche: die emotionale Bindung zwischen Mensch und Mülltonne. Ab sofort werden zehntausende Restabfall- und Papierbehälter im gesamten Stadtgebiet per Chip mit ihren Besitzern „verheiratet“ — so nennt die SAS das tatsächlich. Romantischer wird Digitalisierung nicht.
400 Tonnen am Tag: Silvio hämmert für die Liebe
Sechs Teams der Firma C-Trace schwärmen seit drei Wochen durch Schwerin und befestigen orangefarbene Transponder-Chips an Mülltonnen. 38.000 bis 39.000 Stück. Bei neueren Modellen wird der Chip ins „Chipnest“ am Deckelrand gepresst — bei älteren Tonnen muss gebohrt werden. C-Trace-Mitarbeiter Silvio Schwarz schafft bis zu 400 Tonnen am Tag und sagt Sätze wie: „Da weiß man am Abend, was man gemacht hat.“ Wir auch, Silvio. Wir auch.
„Die Tonne wird sozusagen mit der Adresse verheiratet.“ — Andreas Lange, SAS-Geschäftsführer. Das ist kein Witz. Das steht so in der Pressemitteilung.
Was klingt wie ein Sketch von Loriot, ist bitterer Ernst in der Landeshauptstadt der ambitionierten Verwaltungsakte: Die Chipnummer wird digital mit der Adresse verknüpft, sodass jede Leerung dokumentiert werden kann. Füllstände messen die Chips nicht — das wäre ja Innovation, und dafür ist Schwerin noch nicht bereit.
Adressaufkleber als Hochzeitseinladung
Das Beste: Die Bürger wurden vorab per Brief gebeten, ihre Tonnen mit Adressaufklebern zu versehen. Weil in Schwerin die Tonnen gerne in Gruppen am Straßenrand stehen und ohne Namensschild offenbar niemand weiß, welche zu wem gehört. Das ist ungefähr so, als würde man vor einer Hochzeit die Gäste bitten, sich selbst Namensschilder zu basteln, weil der Pfarrer die Brautleute nicht auseinanderhalten kann.
Die Biotonnen haben ihre Chips übrigens schon seit zehn Jahren. Dass Schwerin eine Dekade braucht, um denselben Chip auch auf die Restmülltonne zu kleben, überrascht in einer Stadt, die auch zehn Jahre für funktionierende Straßenlaternen braucht, genau niemanden.
Immerhin: Die Arbeiten dauern 14 Tage länger als geplant. Weil — natürlich — warum sollte in Schwerin jemals etwas im Zeitplan bleiben. Die Digitalisierungsoffensive der Landeshauptstadt hat jedenfalls Tempo aufgenommen: erst die Stadt-App, jetzt die Mülltonnen. Als Nächstes werden vermutlich die Parkbänke gechipt.
Quellen: Nordkurier
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