Politik

Schwerin testet Ausgangssperre ab 21 Uhr — Polizei meldet nach einer Woche: „Kein einziger Verstoß“

In einem deutschlandweit einzigartigen Pilotprojekt hat die Landeshauptstadt Schwerin vergangene Woche eine nächtliche Ausgangssperre ab 21 Uhr getestet. Das Ergebnis nach sieben Tagen: kein einziger dokumentierter Verstoß. Die Polizeidirektion Schwerin spricht von einem „durchschlagenden Erfolg der Maßnahme“, Kritiker vermuten andere Gründe.

Ordnungsamt brauchte drei Tage, um Sperrstunde zu bemerken

Wie die Stadtverwaltung am Freitag mitteilte, war die Ausgangssperre Teil eines „innovativen Sicherheitskonzepts“, das die Landeshauptstadt als Modellregion qualifizieren könnte. Zwischen 21 und 6 Uhr sollten Bürgerinnen und Bürger ihre Wohnungen nicht verlassen — es sei denn, sie hätten einen triftigen Grund.

Das Problem: Drei der fünf eingesetzten Kontrollteams meldeten nach ihren Schichten, sie hätten „keine einzige Menschenseele“ angetroffen. Ein Streifenbeamter gab zu Protokoll, er habe in der gesamten Innenstadt zwischen 21:15 und 5:45 Uhr ausschließlich eine Katze und zwei Waschbären gesichtet. Die Katze habe keinen Ausweis vorweisen können, sei aber mangels Rechtsgrundlage nicht beanstandet worden.

„Wir waren auf alles vorbereitet. Wasserwerfer, Lautsprecherdurchsagen, notfalls sogar freundliches Bitten. Aber da war einfach niemand.“

Klaus-Dieter Frommhagen, Dezernent für öffentliche Ordnung und nächtliche Stille

Besonders pikant: Das Ordnungsamt selbst erfuhr erst am dritten Tag von der Ausgangssperre, da die entsprechende E-Mail im Spam-Ordner gelandet war. „Wir haben uns gewundert, warum die Straßen so leer waren“, erklärte eine Mitarbeiterin, „aber dann haben wir gemerkt, dass sie immer so leer sind.“

Gastronomen fordern Entschädigung für entgangene Einnahmen von null Euro

Der Hotel- und Gaststättenverband Schwerin reagierte empört. Sprecher Torsten Willbrandt erklärte, die Sperrstunde sei „ein Schlag ins Gesicht der lokalen Gastronomieszene, die zuletzt mit einer einzelnen neuen Cocktailbar bundesweit Schlagzeilen machte„. Auf Nachfrage, welche Betriebe denn nach 21 Uhr noch geöffnet hätten, bat Willbrandt um Bedenkzeit und meldete sich nicht mehr zurück.

Eine Stichprobe der Redaktion ergab: Von 14 kontaktierten Restaurants und Bars in der Schweriner Innenstadt hatten elf bereits vor 21 Uhr geschlossen. Die verbleibenden drei erklärten, sie würden „normalerweise um 21:30 Uhr zumachen, aber heute ausnahmsweise schon um 21 Uhr — aus Solidarität mit der Maßnahme“.

Der einzige Club der Stadt konnte nicht erreicht werden, da Schwerin bekanntlich keinen Club hat.

„Ich habe die Ausgangssperre gar nicht mitbekommen. Ich bin seit 2019 nach 20 Uhr nicht mehr vor die Tür gegangen. Wozu auch?“

Margret Plüschke (67), Anwohnerin Großer Dreesch

Die Polizei zieht dennoch eine positive Bilanz. Man habe bewiesen, dass Schwerin „jederzeit in der Lage ist, eine Ausgangssperre umzusetzen, ohne dass auch nur ein Bürger sein Verhalten ändern muss“. Die Stadt prüft nun, die Maßnahme dauerhaft einzuführen — als „kostenneutrale Sicherheitsmaßnahme mit hundertprozentiger Erfolgsquote“.

Auf Anfrage, ob die Ausgangssperre den Tourismus beeinträchtigen könnte, verwies die Stadtverwaltung darauf, dass Touristen Schwerin ohnehin nur zwischen 10 und 14 Uhr besuchen würden — „danach haben sie alles gesehen“.

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