Infrastruktur

Schwerin sperrt 30 Straßen gleichzeitig — Stadt spricht von „größter Fußgängerzone Norddeutschlands“

Schwerin hat diese Woche offiziell bekanntgegeben, in diesem Jahr 30 Straßenabschnitte gleichzeitig aufzureißen. Was zunächst wie ein normaler Infrastrukturplan klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als das ambitionierteste Verkehrsberuhigungsprojekt, das eine deutsche Landeshauptstadt je gewagt hat. Oder wie es aus dem Rathaus heißt: ein „Mobilitätskonzept der Zukunft“.

Konkret sollen ab Mai die Pampower Straße, die Wismarsche Straße, die Rogahner Straße, die Karl-Marx-Allee sowie 14 weitere Anliegerstraßen und die Franz-Mehring-Straße gleichzeitig gesperrt oder halbseitig befahrbar sein. Die Stadt hat dafür ein Budget von etwas über einer Million Euro eingeplant — was bei 30 Straßen ungefähr 33.333 Euro pro Straße ergibt. „Für das Geld kriegen Sie in Hamburg nicht mal die Absperrbaken“, so ein anonymer Mitarbeiter des Tiefbauamts.

Stadtplaner spricht von „historischer Chance“

Doch was für Autofahrer nach einer mittleren Katastrophe klingt, wird von der Verwaltung als visionäre Stadtplanung verkauft. „Wenn sowieso niemand mehr durchkommt, können wir das auch als Feature vermarkten“, erklärte der städtische Dezernent für Verkehrsberuhigung und Geduldsmanagement, Rainer Umweg, bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Die Idee: Schwerin bewirbt sich mit den 30 gleichzeitigen Baustellen um den Titel „Größte zusammenhängende Fußgängerzone Norddeutschlands“.

„Andere Städte bauen Fußgängerzonen absichtlich. Wir schaffen das einfach als Nebeneffekt unserer Straßensanierung. Das ist Effizienz.“

Rainer Umweg, Dezernent für Verkehrsberuhigung und Geduldsmanagement

Die Wismarsche Straße soll dabei bis mindestens 2027 gesperrt bleiben. Auf die Frage, ob das nicht etwas lang sei, antwortete Umweg: „Das ist kein Bauprojekt, das ist ein Langzeitexperiment. Kopenhagen hat 40 Jahre gebraucht, um autofrei zu werden. Wir schaffen das in zwei.“ Dass Kopenhagen dabei funktionierenden ÖPNV als Alternative bietet, ließ er unkommentiert.

NVS empfiehlt „flexible Routenplanung“

Die Nahverkehr Schwerin GmbH hat bereits angekündigt, ihre vier Straßenbahnlinien „bedarfsgerecht anzupassen“. Übersetzt bedeutet das: Die Linie 1 fährt ab Mai einen Umweg über Lankow, die Linie 2 endet vorübergehend am Marienplatz, und die Linien 3 und 4 werden „situativ bedient“ — was im NVS-Deutsch bedeutet, dass der Fahrer spontan entscheidet, ob er heute links oder rechts abbiegt.

Für Pendler, die trotzdem irgendwie von A nach B kommen müssen, hat die Stadt eine interaktive Baustellenkarte angekündigt. Diese soll „zeitnah“ auf der städtischen Website verfügbar sein — wobei „zeitnah“ in Schwerin erfahrungsgemäß alles zwischen „nächste Woche“ und „nach der nächsten OB-Wahl“ bedeuten könnte.

Besonders pikant: Die Karl-Marx-Allee auf dem Großen Dreesch soll laut offizieller Mitteilung der Stadt „ungefähr zwei Wochen“ dauern. Alteingesessene Schweriner haben daraufhin bereits Wettbüros kontaktiert. Die aktuelle Quote für „wird tatsächlich in zwei Wochen fertig“ steht bei 1:47.

Die Ludwigsluster Chaussee, die bereits seit 2025 aufgerissen ist, soll übrigens „in diesem Jahr“ fertig werden. Aber das wurde 2025 auch schon versprochen.

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