Schwerin – Was als spontane Idee einer Sachbearbeiterin im Verkehrsdezernat begann, könnte die Mobilität der Landeshauptstadt revolutionieren: Nach dem zehnten Jubiläum des Schweriner Seentrails prüft die Stadtverwaltung, ob die Laufstrecke rund um die Seen als reguläre ÖPNV-Verbindung anerkannt werden kann. Erste interne Berechnungen sollen ergeben haben, dass ein durchschnittlich trainierter Hobbyläufer schneller von Zippendorf nach Lankow gelangt als die Straßenbahn der NVS.
„Wir nennen es Linie J wie Joggen“
Der Dezernent für Nachhaltige Fortbewegungsalternativen, der offenbar erst letzte Woche für diesen Zweck ernannt worden sein soll, zeigte sich auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz im Schloss euphorisch. Die sogenannte Laufende Verkehrswende sehe vor, die 26 Kilometer lange Seentrail-Strecke mit Haltestellen-Schildern auszustatten. An jeder dieser Stationen könnten Bürger dann wahlweise auf andere Jogger aufspringen oder selbst weiterlaufen.
„Die NVS fährt im 15-Minuten-Takt, wenn es gut läuft. Ein ambitionierter Läufer schafft die Strecke in unter zwei Stunden. Das ist für Schweriner Verhältnisse Express.“
Gerd-Uwe Flottmann, Dezernent für Nachhaltige Fortbewegungsalternativen (fiktiv)
Besonders die Abendstunden ab 20 Uhr, in denen der Schweriner Nahverkehr bekanntlich in eine Art kulturellen Winterschlaf fällt, sollen durch das Jogger-Netzwerk abgedeckt werden. Die Stadt plane dafür die Anschaffung von 200 reflektierenden Warnwesten mit dem Aufdruck „NVS — Natürlich Vorwärts Sprinten“.
Senioren fordern Nordic-Walking-Linie
Nicht alle Bürger zeigten sich begeistert. Der Seniorenbeirat forderte umgehend eine barrierefreie Alternative: eine Nordic-Walking-Linie mit reduziertem Tempo und Sitzbänken alle 200 Meter. Man habe schließlich jahrzehntelang Steuern für den ÖPNV bezahlt und sei nicht bereit, jetzt im Laufschritt zur Apotheke zu sprinten, so oder so ähnlich soll es aus dem Gremium geheißen haben.
Die NVS selbst reagierte gelassen auf die mögliche Konkurrenz. Eine Sprecherin erklärte, man sehe in den Joggern keine Bedrohung, sondern eine „willkommene Ergänzung unseres historisch gewachsenen Streckennetzes“. Letzteres war zuletzt 1984 gewachsen, seitdem seien lediglich Linien stillgelegt worden, was man intern als „Konzentration auf Kernkompetenzen“ bezeichne.
Der zehnte Seentrail am 29. März dient nun offiziell als Testlauf. Wer die Strecke in unter drei Stunden absolviert, soll angeblich ein kostenloses NVS-Monatsticket erhalten. Was angesichts des Fahrplans allerdings eher als Drohung denn als Belohnung verstanden werden könnte.
Die Landeshauptstadt Schwerin: Wo selbst der öffentliche Nahverkehr ein Extremsport ist.
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