Satire

Schwerin schafft Fahrkarten ab — und den ÖPNV gleich mit

Die Landeshauptstadt Schwerin geht einen historischen Schritt in der Verkehrspolitik: Ab dem 1. Juli wird der öffentliche Nahverkehr komplett kostenlos. Gleichzeitig wird das Streckennetz um 60 Prozent reduziert — „aus wirtschaftlichen Gründen“, wie die Verwaltung in einer Pressemitteilung erklärt, die offenbar ohne jede Ironie verfasst wurde.

Hintergrund ist der Einwohnerantrag der Bürgerinitiative „Freifahrt.Jetzt.Schwerin“, die mit über 2.000 Unterschriften kostenlosen ÖPNV gefordert hatte. Die Verwaltung erklärte den Antrag zunächst für unzulässig, erkannte dann aber das Potenzial: Wenn niemand mehr bezahlt, braucht man auch niemanden mehr zu befördern.

„Weniger Linien bedeutet weniger Verspätung“

Ab Sommer verkehren nur noch zwei der vier Straßenbahnlinien — die Linien 2 und 4 werden ersatzlos gestrichen — was allerdings laut Experten ohnehin kaum jemand bemerken dürfte. Die verbliebenen Linien 1 und 3 fahren dafür im „Flexibilitätstakt“: Mindestens einmal pro Stunde, „wenn personell möglich und das Wetter es zulässt“, so ein Sprecher der NVS. Abends ab 19 Uhr ruht der Betrieb komplett — was angesichts der ohnehin geltenden inoffiziellen Sperrstunde konsequent erscheint.

„Ein Bus, der nicht fährt, kann auch nicht zu spät kommen. Das ist ein enormer Qualitätssprung für unsere Fahrgäste.“

Hartmut Wendelstein, Dezernent für Mobilitätsvermeidung

Die Einsparungen sollen laut Verwaltung bei rund 4,2 Millionen Euro jährlich liegen. Das entspricht in etwa dem Betrag, den die Initiative als solidarische Finanzierung über eine 11-Euro-Abgabe pro Bürger einsammeln wollte. Die Verwaltung habe lange gerechnet und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass es deutlich einfacher sei, den Nahverkehr abzubauen, als eine neue Abgabe rechtssicher zu konstruieren.

Pilotprojekt „Zu-Fuß-Ticket“ — eine Weiterentwicklung der Idee, Jogger als offiziellen Ersatz für den Nahverkehr einzusetzen — bereits in Planung

Für die gestrichenen Strecken plant die Stadt ein sogenanntes „Zu-Fuß-Ticket“ — eine Weiterentwicklung der Idee, Jogger als offiziellen Ersatz für den Nahverkehr einzusetzen —: Bürger erhalten eine offizielle Gehgenehmigung, die sie berechtigt, städtische Gehwege zur Fortbewegung zu nutzen. Kostenpunkt: 0 Euro monatlich. „Damit sind wir günstiger als jedes Deutschlandticket“, erklärte Interims-OB Bernd Nottebaum sichtlich stolz.

Die Bürgerinitiative „Freifahrt.Jetzt.Schwerin“ zeigte sich irritiert. Man habe kostenlosen Nahverkehr gefordert, nicht keinen Nahverkehr. „Das ist so, als würde man Hunger bekämpfen, indem man alle Restaurants schließt“, sagte Sprecherin Wiebke Dransfeld. Die Verwaltung konterte, dass der Vergleich hinke, da Schwerin ohnehin kaum noch Restaurants habe, die nach 21 Uhr geöffnet seien.

Erste Reaktionen aus der Bevölkerung fielen verhalten positiv aus. „Ich fahre sowieso Auto“, sagte ein 43-jähriger Pendler am Marienplatz. Eine Rentnerin am Pfaffenteich ergänzte: „Ich warte seit 2019 auf den Bus nach Lankow. Wenn der jetzt offiziell nicht mehr kommt, kann ich wenigstens aufhören zu warten.“

Rostock ließ über seinen Pressesprecher ausrichten, man beobachte die Schweriner Verkehrswende „mit einer Mischung aus Mitleid und Faszination“. In der Hansestadt fahren bekanntlich sechs Straßenbahnlinien im Zehn-Minuten-Takt — aber das sei ja auch eine richtige Stadt.

Die Verwaltung bittet Bürgerinnen und Bürger, bei Fragen zum neuen Fahrplan die Hotline der NVS anzurufen. Diese ist montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr erreichbar — sofern der zuständige Mitarbeiter nicht gerade im Homeoffice ist.

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