Politik

Schwerin führt offizielle Sperrstunde ab 20 Uhr ein: „Wir passen uns dem natürlichen Rhythmus der Stadt an“

Schwerin (SIG) – Was viele Schweriner seit Jahren als unausgesprochene Wahrheit akzeptiert haben, wird jetzt amtlich: Die Landeshauptstadt führt zum 1. April eine offizielle Sperrstunde ab 20 Uhr ein. Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum verkündete die Maßnahme am Freitag auf einer Pressekonferenz, die selbstverständlich um 14 Uhr stattfand, weil um 16 Uhr „erfahrungsgemäß ohnehin niemand mehr im Rathaus ist“.

„Wir haben uns die Daten angeschaut“, erklärte die eigens eingerichtete Dezernentin für chronobiologische Stadtentwicklung, Dr. Heike Müdemann. „Ab 19:47 Uhr bewegt sich in Schwerin statistisch gesehen weniger als auf einem mittleren Friedhof. Wir formalisieren nur, was die Bevölkerung längst lebt.“

Gastronomie begrüßt Regelung: „Endlich Planungssicherheit“

Überraschend positiv reagierte die Schweriner Gastronomie. „Bisher mussten wir immer so tun, als hätten wir bis 22 Uhr geöffnet“, sagte ein Wirt vom Pfaffenteich, der namentlich nicht genannt werden wollte. „Seit drei Jahren geht mein letzter Gast um Viertel nach sieben. Jetzt kann ich offiziell um acht den Laden dichtmachen, ohne dass es peinlich wirkt.“

Die Stadtverwaltung hatte im Vorfeld eine umfassende Studie in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse waren eindeutig: 94 Prozent aller Schweriner Ampeln schalten bereits um 21 Uhr auf Dauergelb. Die letzte Straßenbahn fährt so früh, dass Berufspendler sie nur erwischen, wenn sie gar nicht erst arbeiten gehen. Und der Marienplatz ist ab 18:30 Uhr so verlassen, dass die Tauben dort ungestört Vorstandssitzungen abhalten könnten.

„In Leipzig gehen die Leute um 22 Uhr erst raus. In Schwerin gehen sie um 22 Uhr ins Bett. Und zwar seit 1990.“

Klaus-Dieter Pampelmann, Beauftragter für abendliche Grundversorgung

Die neue Verordnung sieht vor, dass ab 20 Uhr alle Geschäfte, Restaurants und öffentlichen Einrichtungen schließen dürfen, ohne dies begründen zu müssen. Straßenlaternen werden auf „Energiesparmodus“ gesetzt, was in der Praxis bedeutet: jede dritte Laterne leuchtet, der Rest spart Strom für die wirklich wichtigen Dinge, etwa die Schlossbeleuchtung.

Jugend reagiert gelassen: „Welche Sperrstunde?“

Auch die wenigen verbliebenen jungen Schweriner zeigten sich unbeeindruckt. „Sperrstunde ab 20 Uhr? Das ändert für uns genau gar nichts“, sagte die 19-jährige Studentin Marie K., die eigentlich in Rostock wohnt und „nur zum Wäschewaschen“ nach Schwerin kommt. „Hier konnte man abends noch nie irgendwas machen. Ich glaube, Schwerin hatte schon immer eine Sperrstunde, die hat nur keiner aufgeschrieben.“

Kritik kam einzig vom Schweriner Nachtbürgermeister, dessen Existenz allerdings auch dem Stadtrat bisher nicht bekannt war. „Ich wurde 2024 ehrenamtlich ernannt und habe seitdem exakt null Beschwerden über Nachtlärm erhalten“, erklärte er. „Wobei das auch daran liegen könnte, dass niemand meine Dienstnummer kennt. Oder dass es nachts schlicht keinen Lärm gibt.“

Als Vorbild nannte die Stadtverwaltung übrigens nicht etwa eine andere deutsche Großstadt, sondern die antarktische Forschungsstation Neumayer III. „Dort herrschen ähnliche Bedingungen“, so Dezernentin Müdemann. „Wenige Menschen, lange dunkle Monate und ein begrenztes kulturelles Angebot. Nur dass die wenigstens WLAN haben.“

Die Sperrstunden-Verordnung tritt am 1. April in Kraft. Bürger, die den Unterschied zum aktuellen Zustand bemerken, werden gebeten, sich bei der Stadtverwaltung zu melden. Es wäre das erste Mal.

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