Während andere Bundesländer ihre Geschichte gerne mal unter den Teppich kehren, packt Mecklenburg-Vorpommern seine in einen 85-Millionen-Euro-Neubau. Am Freitag wurde in der Johannes-Stelling-Straße in Schwerin feierlich der symbolische Schlüssel für das neue Depot- und Werkstattgebäude übergeben. 20.000 Quadratmeter, drei Fußballfelder, 91.000 Regalmeter. Für Akten. Aus dem Jahr 1158.
867 Jahre Geschichte unter einem Dach — vorher lagerten sie in gefühlt 867 verschiedenen Kellern
Das Problem war durchaus real: Archivdokumente, bronzezeitliche Funde und Kunstwerke aus mecklenburgischen Schlössern lagen seit Jahrzehnten verstreut an Dutzenden Standorten — in Schloss Wiligrad, in Provisorien in Schwerin-Süd, in Kellern, die vermutlich auch nicht besser aussahen als die Dokumente darin. Ein Zustand, den Kulturministerin Bettina Martin diplomatisch als „bisherigen Zustand“ bezeichnete.
„Dieses neue Archivgebäude ist eine moderne Schatztruhe für die kulturelle Identität unseres Landes.“ — Kulturministerin Bettina Martin. Ob die kulturelle Identität vorher wusste, dass sie in einer Schatztruhe wohnen wollte, ist nicht überliefert.
Das neue Depot kann allerdings wirklich was: Über eine gesicherte Eingangsschleuse mit Lastkran treffen archäologische Funde ein und werden im selben Haus gereinigt, vermessen, per 3D-Handscanner erfasst und restauriert. Röntgenanlage, Kühlzellen für empfindliche Objekte — das klingt weniger nach Archiv und mehr nach dem technologischsten Gebäude, das Schwerin je gesehen hat. Was zugegebenermaßen keine besonders hohe Hürde ist.
91.000 Regalmeter: Von Schwerin bis Rostock — nur in Aktenordnern
Die 91.000 Regalmeter entsprechen laut offizieller Rechnung der Strecke von Schwerin nach Rostock. Also ungefähr so weit, wie man mit dem Regionalexpress braucht, wenn der mal wieder Verspätung hat — nur dass die Akten vermutlich pünktlicher ankommen.
Finanzminister Heiko Geue schwärmte, das Gebäude vereine „maximale Sicherheit für empfindliche Kulturgüter und eine offene, funktionale Arbeitsumgebung“. Klingt fast wie das Gegenteil von dem, was der Rechnungshof kürzlich über das Wirtschaftsministerium gesagt hat.
Nachhaltig, regional, fast schon verdächtig vernünftig
Von den 99 beteiligten Handwerksbetrieben kamen 64 aus MV. 65 Prozent der Gewerke blieben im Land. Photovoltaik, Fernwärme, begrünte Dachflächen — das Depot spart jährlich 225 Tonnen CO₂ ein. Damit ist es vermutlich das einzige Bauprojekt in Schwerin, das nicht primär für Kopfschütteln sorgt.
Der Umzug der Bestände läuft seit Oktober 2025 und wird noch zwei Jahre dauern. Zwei Jahre. Für Akten umräumen. Aber hey — die Akten sind teilweise 867 Jahre alt. Da darf man sich auch mal Zeit lassen.
Quellen: Kulturportal MV, NDR MV
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