Was passiert, wenn eine Stadt mit 98.000 Einwohnern beschließt, einmal richtig sauber zu machen? Sie verschwindet. Unter dem Motto „Schwerin.Schön.Sauber“ hat die Landeshauptstadt für den 21. März zur großen Schrubberparty aufgerufen. Bürgerinnen und Bürger sollen gemeinsam Straßen, Plätze und Grünflächen auf Hochglanz bringen. Was niemand ahnte: Die Aktion könnte Schwerins größte Schwäche schonungslos offenlegen.
Unter dem Dreck war: noch weniger
Bereits bei einer Testputzaktion am Bertha-Klingberg-Platz zeigte sich das Problem. „Wir haben drei Stunden geschrubbt und dann festgestellt, dass unter dem Moos ein geschlossenes Geschäft war, von dem niemand mehr wusste“, berichtet Anwohnerin Doris Klempke (67). Unter einer Schicht aus Herbstlaub und Taubendreck kam ein Schaufenster zum Vorschein, in dem seit 2019 ein Schild hing: „Räumungsverkauf – alles muss raus.“ Alles war längst raus. Inklusive des Inhabers.
Die Stadtverwaltung hatte die Schrubberparty als Gemeinschaftserlebnis geplant. „Schwerin hat eine wunderschöne Substanz, die nur freigelegt werden muss“, erklärte der Dezernent für Stadtentwicklung und bürgerschaftliche Selbsttäuschung bei der Pressekonferenz. Man habe extra 500 Besen, 200 Eimer und 80 Hochdruckreiniger bereitgestellt. Was fehlt: Menschen, die sie benutzen.
„Wir hatten 2.000 Freiwillige eingeplant. Bisher haben sich 47 angemeldet. Davon sind 31 über 70 und können keinen Eimer tragen. Aber der Wille zählt.“
Kristina Voß, Koordinatorin für proaktive Sauberkeitsillusion, Stadtverwaltung Schwerin
Google Earth stuft Schwerin als „verlassen“ ein
Das eigentliche Desaster offenbarte sich jedoch in der digitalen Welt. Als Satellitenbilder den frisch geputzten Testbereich rund um den Marienplatz erfassten, schlug ein Algorithmus von Google Alarm. Die blitzsauberen, menschenleeren Straßen, die polierten Fassaden ohne Laufkundschaft, die spiegelnden Gehwege ohne eine Menschenseele – das System klassifizierte das Gebiet automatisch als „möglicherweise verlassene Siedlung“ und empfahl Nutzern, die Route über Rostock zu nehmen.
„Das ist ein Missverständnis“, versicherte ein Sprecher der Stadt. „Schwerin ist nicht verlassen. Es sieht nur so aus. Besonders abends. Und am Wochenende. Und eigentlich immer nach 18 Uhr.“ Man habe bereits ein Schreiben an Google verfasst, in dem man darauf hinweise, dass Schwerin eine aktive Landeshauptstadt sei – wenn auch mit einer gewissen Tendenz zur visuellen Unauffälligkeit.
Der Vorfall hat in der Stadtvertretung eine hitzige Debatte ausgelöst. Die Fraktion „Zukunft Schwerin“ fordert nun, beim nächsten Putztag strategisch Unordnung zu hinterlassen, damit die Stadt bewohnt wirkt. Der Vorschlag: Alle 50 Meter ein umgeworfener Mülleimer, herumliegende Fahrräder und gelegentlich ein offenes Fenster mit Radiomusik. „Man muss Lebendigkeit auch mal inszenieren“, so der Fraktionsvorsitzende. „Das kennen wir vom Stadtmarketing. Da inszenieren wir seit Jahren.“
Die Schrubberparty soll dennoch wie geplant am 21. März stattfinden. Als Kompromiss hat die Stadt beschlossen, im Anschluss sofort wieder Laub zu verteilen.
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