Am Freitag ist es so weit: Santiano spielen in der Sport- und Kongresshalle Schwerin. Für die meisten deutschen Städte wäre das ein normaler Eintrag im Veranstaltungskalender. Für Schwerin ist es der Beweis, dass die Stadt noch lebt. Die Verwaltung hat vorsorglich den kulturellen Ausnahmezustand ausgerufen — nicht wegen Sicherheitsbedenken, sondern weil man den Zustand, dass in Schwerin abends tatsächlich etwas passiert, verwaltungstechnisch einordnen musste.
„Wir hatten seit dem Kraftklub-Konzert keine vergleichbare Situation mehr“, erklärte ein Sprecher der Stadt. „Damals mussten wir die Bevölkerungszählung kurzzeitig aussetzen, weil wir plötzlich über hunderttausend Einwohner hatten.“ Für Santiano rechne man mit ähnlichen Zuständen, „nur eben mit einem Altersdurchschnitt, der eher zum Bestand passt“.
Demografie-Bingo: Endlich ein Act, der zur Stadt passt
In Schwerin, wo der Altersdurchschnitt bei 47,6 Jahren liegt und jeder vierte Einwohner über 65 ist, galt die Buchung von Santiano intern als „strategische Kulturplanung“. Man habe bewusst einen Act gewählt, bei dem sich die Zielgruppe nicht erst erklären muss. „Bei Kraftklub hatten wir das Problem, dass die Hälfte der Anwohner dachte, die Jugend randaliert“, so ein Mitarbeiter des Stadtmarketings. „Bei Santiano ruft garantiert niemand die Polizei. Die Anwohner sind das Publikum.“
„Ich hab mein Ticket im Februar gekauft. Das war das Aufregendste, was mir in Schwerin seit der BUGA 2009 passiert ist.“
Gerda Westermann (68), fiktive Dauerkarten-Inhaberin des Schweriner Staatstheaters
Die Sport- und Kongresshalle hat sich auf den Andrang vorbereitet. Sämtliche Sitzplätze werden bestuhlt, die Gastronomie hat ihr Sortiment um alkoholfreies Weizenbier und Franzbrötchen erweitert. Stehplätze gibt es nicht — „aus Rücksicht auf die Zielgruppe“, wie es in einer internen Mitteilung heißen könnte. Auch der NVS-Nahverkehr reagiert und verlängert den Busbetrieb an diesem Freitag ausnahmsweise bis 22:30 Uhr. In Schwerin gilt das als Nachtleben.
Stadtvertretung prüft Santiano als Dauerlösung
Im Rathaus soll bereits diskutiert werden, ob man Santiano nicht einfach dauerhaft in Schwerin ansiedeln könnte. Die Band passe „kulturell, demografisch und tempomäßig perfekt zur Stadt“, habe ein Fraktionsvorsitzender im Hauptausschuss angemerkt. Ein Vorschlag sehe vor, dem Ensemble eine Wohnung am Pfaffenteich anzubieten — inklusive vergünstigtem Anwohnerparken und einer Jahreskarte für das Schleswig-Holstein-Haus. Die Diskussion wurde vertagt.
Kritische Stimmen mahnen derweil zur Vorsicht. „Ein Konzert macht noch keinen Sommer“, warnte ein Lokalpolitiker, der nicht genannt werden wollte. „Wir hatten auch nach Kraftklub gedacht, jetzt geht’s aufwärts. Drei Wochen später war die Innenstadt wieder um 20 Uhr leer.“ In Schwerin nennt man das die Phase der kulturellen Ernüchterung — oder einfach: Dienstag.
Santiano selbst soll sich auf den Auftritt freuen. „Wir spielen gern in kleineren Städten“, wird Sänger Björn Both zitiert. Auf die Nachfrage, ob Schwerin eine Landeshauptstadt sei, soll er überrascht reagiert haben. Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.
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