Schwerin, die einzige Landeshauptstadt Deutschlands ohne Großstadt-Status, hat jetzt einen eigenen VOTO-Automaten. Eine digitale Wahlhilfe, entwickelt von der Universität Greifswald, mit der Bürger ihre Positionen mit denen der sieben OB-Kandidaten abgleichen können. Also im Grunde ein Wahl-O-Mat, nur für Leute, die freiwillig Schwerin regieren wollen.
Das Prinzip ist simpel: Man bewertet politische Thesen, klickt sich durch Fragen zu Sicherheit, Wohnen, Haushalt und Stadtentwicklung, und am Ende spuckt der Automat aus, mit welchem Kandidaten man die größte Übereinstimmung hat. Dass dabei sechs von sieben Kandidaten auf die Frage nach der wichtigsten Altersgruppe „junge Menschen und Familien“ geantwortet haben, könnte man als bemerkenswerten Konsens feiern. Oder als kollektive Verdrängung der Tatsache, dass genau diese Gruppe seit drei Jahrzehnten systematisch aus der Stadt flieht.
Wer nicht antwortet, gewinnt vielleicht trotzdem
Besonders bemerkenswert: CDU-Kandidat Sebastian Ehlers und Volt-Kandidat Massimo De Matteis haben auf die Frage von Schwerin Lokal nach ihrer Prioritäts-Altersgruppe einfach nicht reagiert. Ehlers, der gerade mit einem Abwahl-Antrag als Stadtpräsident kämpft und morgen beim ausverkauften SVZ-Wahlforum im Wichernsaal antreten muss, hatte vermutlich Wichtigeres zu tun. Etwa seine Spendenaktion für einen Spielplatz zu verteidigen, der laut der zuständigen Spielplatzkonzeption gar nicht kaputt ist.
„Ich hab den Automaten getestet. Bei mir kam raus: 87 Prozent Übereinstimmung mit Wegziehen.“
Ein 24-jähriger Schweriner, der nächsten Monat nach Hamburg zieht
Währenddessen bereitet sich die Stadt auf das große SVZ-Wahlforum am Mittwochabend vor. 200 Plätze im Wichernsaal, alle vergriffen. Der Nordkurier überträgt live ab 18 Uhr, weil offenbar mehr Schweriner zuschauen wollen, als in den Saal passen. Wobei 200 Plätze bei knapp 80.000 Wahlberechtigten eine Auslastung von 0,25 Prozent ergeben. In München wäre das ein Elternabend.
Sieben Kandidaten, ein Lostopf, 30 Sekunden
Das Format des Forums hat durchaus seinen Charme: Die Kandidaten ziehen Thesen aus einem Lostopf. Wer zieht, hat zwei Minuten. Alle anderen bekommen 30 Sekunden. Bei sieben Kandidaten heißt das: Pro These maximal fünf Minuten, bevor die nächste Runde startet. Speed-Dating mit dem zukünftigen Stadtoberhaupt, nur dass am Ende alle mit dem gleichen Problem nach Hause gehen.
Auf dem Podium sitzen Petra Federau (AfD), Sebastian Ehlers (CDU), Mandy Pfeifer (SPD/Linke/Grüne), Massimo De Matteis (Volt), Dr. Aileen Wosniak (ASK), Lars Schubert (FDP/Einzelbewerber) und Heiko Steinmüller (Einzelbewerber). Also exakt die Besetzung, die man braucht, wenn man in zwei Stunden herausfinden will, wer den aussichtslosesten Job in Mecklenburg-Vorpommern übernehmen darf.
„Das Wahlforum ist in 200 Minuten ausverkauft gewesen. So schnell war in Schwerin seit der Wende nichts mehr ausverkauft. Nicht mal der Ausverkauf bei Kressmann.“
Ein langjähriger Beobachter der Schweriner Stadtpolitik
Dass der VOTO-Automat und das Wahlforum zeitlich so dicht aufeinander fallen, passt zum Endspurt eines Wahlkampfs, der bereits mehr öffentliche Kandidaten-Auftritte produziert hat als Schwerin normalerweise an einem Wochenende kulturelle Veranstaltungen schafft. Am 24. März folgt dann noch der NDR „Talk vor Ort“ im Beruflichen Bildungszentrum Technik, ausgerechnet in Lankow, dem Stadtteil, in dem Ehlers gerade seinen persönlichen PR-Unfall mit der Spielplatz-Spendenaktion durchlebt.
Demokratie braucht Werkzeuge. Schwerin hat jetzt eins.
Der VOTO-Automat ist, das muss man fairerweise sagen, eine gute Sache. Anonym, datenschutzkonform, und er zwingt Kandidaten dazu, sich zu konkreten Positionen zu bekennen, statt nur „mehr Lebensqualität für alle“ auf Plakate zu drucken. Ob die Schweriner das nutzen, steht auf einem anderen Blatt. Der Automat wurde von der Uni Greifswald entwickelt und war 2024 schon in anderen MV-Städten im Einsatz. Für Schwerin ist er neu, aber das ist bei einer Stadt, die ihren letzten großen Moment 2009 bei der BUGA hatte, sowieso ein relativer Begriff.
Wer also noch unschlüssig ist zwischen Sicherheit und Spielplätzen, zwischen europäischer Vision und Gastro-Pragmatismus, zwischen Psychotherapie und CDU-Netzwerken, der klicke sich durch den VOTO-Automaten und schaue morgen Abend ab 18 Uhr den Livestream. In der Hoffnung, dass am Ende nicht der Automat besser regieren könnte als alle sieben zusammen.
Quellen: schwerin.news, Nordkurier/SVZ, Schwerin Lokal
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