Es gibt Momente, in denen eine Stadt ihr wahres Gesicht zeigt. Für Schwerin ist dieser Moment gekommen: Die OSTSEE-ZEITUNG lädt am 1. April zum Speed-Dating mit den Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl ein. Zehn Minuten pro Runde. Sechs Kandidaten. 48 Bürger. Danach wird gewechselt. Wenn das kein Sinnbild für die Schweriner Kommunalpolitik ist, dann gibt es keins.
Das Konzept, für das man sich online anmelden muss: Acht Schwerinerinnen und Schweriner sitzen einem Kandidaten gegenüber. Jeder darf eine Frage stellen. Frage und Antwort sollen „kurz und konkret“ sein. Dann klingelt es, und der nächste Bewerber rückt nach. Im Technologie- und Gewerbezentrum in der Hagenower Straße, ab 18 Uhr. Am ersten April. Man kann sich das nicht ausdenken.
Zehn Minuten für die Zukunft der Landeshauptstadt
Zehn Minuten. So lange hat jeder Kandidat, um 22 Jahre politisches Versagen zu erklären, eine Vision für bezahlbaren Wohnraum zu entwickeln oder zumindest eine Meinung zum Hundekot auf den Gehwegen zu formulieren. Letzteres ist kein Scherz: Die OZ nennt das explizit als mögliches Thema, direkt nach Sicherheit und Wohnraum. In Schwerin liegen die großen Fragen eben manchmal auf dem Bürgersteig.
Zugesagt haben Petra Federau (AfD), Sebastian Ehlers (CDU), Mandy Pfeifer (SPD), Massimo de Matteis (Volt), Lars Schubert (FDP) und Heiko Steinmüller. Nur Dr. Aileen Wosniak von der ASK kann „aus terminlichen Gründen“ nicht teilnehmen. Sechs von sieben Kandidaten beim Speed-Dating, das ist immerhin eine bessere Quote als bei den meisten Stadtvertretungssitzungen.
Zehn Minuten Gesprächszeit, das reicht in Schwerin normalerweise für drei Ausreden, warum etwas nicht geht, und eine Verweisung an den zuständigen Ausschuss.
Ein langjähriger Beobachter der Schweriner Stadtpolitik, der anonym bleiben möchte
48 Plätze, 78.000 Wahlberechtigte
Die Teilnahme ist auf 48 Personen begrenzt. Bei über 78.000 Wahlberechtigten entspricht das einer Abdeckung von 0,06 Prozent. Aber seien wir ehrlich: In einer Stadt, in der die Wahlhelfersuche schon ein Kraftakt ist, könnte man argumentieren, dass 48 Leute bereits eine repräsentative Stichprobe der tatsächlich Interessierten darstellen.
Das Speed-Dating-Format passt dabei erschreckend gut zur Schweriner Realität. Zehn Minuten, dann ist Schluss, dann kommt der Nächste. So funktioniert hier auch die Stadtentwicklung: Ein OB kommt, verspricht Großes, dann ist die Amtszeit vorbei oder er tritt zurück, und der Nächste fängt von vorne an. Rico Badenschier hat es vorgemacht. Jetzt dürfen sieben Kandidaten zeigen, wer am schnellsten „Schwerin nach vorne bringen“ sagen kann, bevor die Klingel ertönt.
Parallel verschickt die Stadt gerade die Wahlbenachrichtigungen für den 12. April. 55 Urnenwahlbezirke, 24 Briefwahlbezirke, 711 Wahlhelfer werden gebraucht. Die Briefwahllokale in der Wismarschen Straße und der Friesenstraße stehen diesmal nicht zur Verfügung. Warum, bleibt offen. Möglicherweise hat Schwerin auch dafür nur zehn Minuten eingeplant.
Am 24. März gibt es dann noch den NDR „Talk vor Ort“ im Beruflichen Bildungszentrum Technik in Lankow, bei dem alle sieben Kandidaten gleichzeitig auf der Bühne stehen. Zwei Stunden, sieben Kandidaten, Livestream ab 20 Uhr. Für Schweriner Verhältnisse ist das praktisch ein Marathonlauf.
Speed-Dating, NDR-Talk, Wahlzettel: Schwerin behandelt seine OB-Wahl wie einen Abend auf Tinder. Schnell durchswipen, kurz reinschauen, hoffen dass diesmal was Vernünftiges dabei ist.
Quellen: Ostsee-Zeitung, NDR
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
