Mecklenburg-Vorpommern verliert seine Bäckereien schneller als Touristen ihre Illusionen über das Wetter an der Ostsee. Von einst 311 handwerklichen Backstuben im Jahr 2000 sind noch 132 übrig. Die Handwerkskammern schlagen Alarm. Die Discounter backen weiter. Und Schwerin guckt zu, wie ein Stück Heimat nach dem anderen den Ofen ausmacht.
19 Cent das Brötchen: Der Preis, den niemand bezahlt
Der Feind des Handwerksbäckers trägt kein Schwert, sondern ein Preisschild: 19 Cent pro Brötchen beim Discounter. Dafür bekommt man ein Teigprodukt, das irgendwo in einer Fabrik geboren wurde, tiefgefroren durch halb Europa gereist ist und im Aufbackofen neben der Tiefkühltruhe sein trauriges Finale erlebt. Aber es kostet 19 Cent — und gegen 19 Cent kommt kein Bäcker an, der morgens um drei aufsteht, echtes Mehl anfasst und seine Miete zahlen muss.
„Hohe Energie- und Materialkosten, zeitraubende Bürokratie sowie steigende Lohnzusatzkosten nehmen den kleinen und mittleren Handwerksbetrieben die Luft zum Atmen.“ — Axel Hochschild, Präsident der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern
Die Aufzählung klingt wie das Greatest-Hits-Album deutscher Wirtschaftsmisere: Energiekosten, Bürokratie, Lohnnebenkosten. Und als Zugabe: fehlende Nachfolger. Wer will schon eine Bäckerei übernehmen, wenn man stattdessen Instagram-Influencer werden kann? Zugegeben, auch das klappt in MV eher mittelgut — aber wenigstens muss man dafür nicht um 3 Uhr aufstehen.
Wenn die Bäckerei geht, geht alles
Was in Schwerin und den umliegenden Landkreisen passiert, ist mehr als ein wirtschaftliches Problem. In vielen Dörfern war die Bäckerei der letzte Grund, morgens das Haus zu verlassen. Kein Arzt mehr, kein Laden, kein Bus — aber wenigstens noch frische Brötchen. Wenn die auch weg sind, bleibt nur noch der Sozialbau und das Prinzip Hoffnung.
Die Handwerkskammer Schwerin fordert jetzt „spürbare Entlastungen“ von der Politik. Energiekosten runter, Bürokratie abbauen, Lohnzusatzkosten unter 40 Prozent. Das sind Forderungen, die so alt sind wie die Investitionsstaus in Schwerin selbst. Aber vielleicht wirkt der Appell ja diesmal. Spätestens wenn das letzte Brötchen in MV aus einem Automaten am Bahnhof fällt, wird auch der letzte Politiker merken, dass was schiefgelaufen ist.
311, 197, 132 — und bald?
Die Zahlen sprechen ihre eigene Sprache: Von 311 auf 197 auf 132. Wenn der Trend so weitergeht, rechnen wir in zehn Jahren die letzten Backstuben an einer Hand ab. Mecklenburg-Vorpommern, das Agrarland, das Land der Felder und des Korns — kauft seine Brötchen dann komplett aus der Fabrik. Die deutsche Brotkultur, immaterielles UNESCO-Kulturerbe, stirbt nicht mit einem Knall. Sie stirbt mit einem leisen Klicken der Aufbackofen-Taste beim Discounter.
Bildquelle: FranHogan / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Quellen: Nordkurier
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