
Schwerin, die Stadt, in der Gastronomen schneller schließen als sie aufmachen, bekommt eine Cocktailbar. „Die Garderobe“ soll im Mai eröffnen und an das legendäre Residenz-Café erinnern — jenes „Resi“, das für Generationen von Schwerinern das war, was das Berghain für Berlin ist. Nur mit mehr Anstand und weniger Techno.
35 Jahre Wartezeit auf einen anständigen Drink
Das Residenz-Café am Markt 7 war über Jahrzehnte der Vergnügungstempel der Landeshauptstadt. 1948 als erste HO-Gaststätte Mecklenburgs wiedereröffnet, überlebte es den Sozialismus — aber nicht die Wende. Seitdem klafft in Schwerins Nachtleben eine Lücke, die ungefähr so groß ist wie der Leerstand in der Innenstadt.
Die beiden Macher sehen eine Marktlücke — „so etwas gebe es noch nicht in der Landeshauptstadt.“ In Schwerin gibt es vieles nicht. Aber selten traut sich jemand, das auch laut zu sagen.
Die Tatsache, dass eine Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern im Jahr 2026 ihre erste richtige Cocktailbar bekommt, sagt mehr über den Zustand der Schweriner Gastroszene als jede Wirtschaftsanalyse. Während andere Landeshauptstädte über Craft-Beer-Szenen und Pop-up-Restaurants diskutieren, feiert Schwerin, dass jemand Gin Tonic professionell mixen will.
Aber Respekt an die Gründer. In einer Stadt, in der Einzelhändler nach drei Stunden wieder schließen wollen und nicht mal mehr ein Stadtfest hinbekommt, braucht es echten Mut, ein Gastro-Projekt zu starten. Der Name „Die Garderobe“ ist dabei passend gewählt — man legt schließlich die Erwartungen an der Tür ab.
Das historische „Resi“ wurde übrigens 1911 schon mal als „American Bar“ wiederbelebt. Laut Chronisten „konnte sich das in einer Mittelstadt wie Schwerin natürlich nicht halten.“ 114 Jahre später versucht es jemand erneut. Schwerin: Wo Geschichte sich wiederholt, weil niemand sie liest.
Quellen: Ostsee-Zeitung
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