OB-Wahl 2026

NDR-Faktencheck zur OB-Debatte: Federaus Zahlen stimmen nicht, Wosniak übertreibt, und Schwerin erfährt, dass Fakten Wahlkampf stören

Zwei Wochen vor der Oberbürgermeisterwahl hat der NDR das getan, was in Schwerin sonst niemand freiwillig macht: den Kandidatinnen und Kandidaten beim Reden zugehört und nachgerechnet. Das Ergebnis des Faktenchecks zum Talk vor Ort könnte man als „ernüchternd“ bezeichnen, wenn in Schwerin nicht ohnehin alles nüchtern wäre.

Federau und die Zahlen: Wenn Gefühl auf Statistik trifft

Den Preis für die kreativste Interpretation polizeilicher Kriminalstatistiken darf sich AfD-Kandidatin Petra Federau abholen. In der Debatte behauptete sie, dass „gerade in der Kriminalstatistik, gerade mit Gewaltverbrechen, eben die Menschen mit Migrationshintergrund den größten Täteranteil ausmachen“.

Die tatsächlichen Zahlen der Polizei für Schwerin 2024: Bei 1.375 Rohheitsdelikten waren 976 Tatverdächtige Deutsche und 399 Nicht-Deutsche. Das sind knapp 71 Prozent Deutsche. Man könnte sagen, Federaus Aussage ist nicht ganz korrekt. Man könnte auch sagen, sie stimmt einfach nicht.

Auch bei der Gesamtkriminalität sieht es ähnlich aus: 6.693 Straftaten, 3.624 deutsche Tatverdächtige, 3.069 nicht-deutsche. Wobei von den Nicht-Deutschen allein 1.543 wegen Verstößen gegen Nebengesetze wie das Asylgesetz auffielen, also Delikten, die Deutsche physisch gar nicht begehen können. Rechnet man die heraus, wird das Bild noch deutlicher.

„Das ist doch nicht wegen Michael oder Klaus installiert worden.“

Petra Federau über die Videoüberwachung am Marienplatz, die laut Statistik mehrheitlich Michael und Klaus filmt

Wosniak: Engagiert, aber gelegentlich ungenau

ASK-Kandidatin Aileen Wosniak wiederum behauptete, Schwerin habe „über 20.000 Sportler in Ehrenämtern“. Der Stadtsportbund bestätigt zwar 20.000 Vereinsmitglieder, aber die sind eben nur zum Teil ehrenamtlich aktiv. Der Rest macht Sport. Was zugegebenermaßen in Schwerin schon fast als politisches Statement durchgeht.

Ihre Aussage, auf dem Marienplatz werde „Sieg heil“ gerufen und der Hitlergruß gemacht, ist dagegen leider korrekt: Am 21. März 2026, ausgerechnet dem Internationalen Tag gegen Rassismus, zeigten zwei Männer (41 und 44 Jahre alt, deutsch) vor dem Schlossparkcenter den Hitlergruß. Die Polizei ermittelt. Auch hier waren es übrigens keine „Mohammed“ und „Ali“, die Federau als Bedrohungsszenario aufbaut, sondern vermutlich eher ein „Michael“ und ein „Klaus“.

Wosniaks Behauptung, die Firma Höffner sponsere die AfD, konnte der NDR ebenfalls belegen: Ein Unternehmen aus der Höffner-Gruppe spendete 2024 insgesamt 18.000 Euro an die AfD Sachsen. Was insofern interessant ist, als Höffner gleichzeitig in Schwerins Stadtteil Krebsförden ein Möbelhaus bauen möchte, das in der Stadtvertretung kontrovers diskutiert wird.

Das Feld: Einigkeit bei Finanzen, Chaos bei allem anderen

Beim Talk vor Ort selbst herrschte vor 100 Zuschauern in Schwerin-Lankow immerhin in einem Punkt Konsens: Die Stadt ist pleite. Wie man damit umgeht, darüber gingen die Meinungen dann erwartbar auseinander. Lars Schubert will Unternehmen ansiedeln, Ehlers will bestehende pflegen, Pfeifer warnt davor, bei Pflichtleistungen zu sparen, und Steinmüller findet, Bund und Land müssten zahlen. Wer den SVZ-Wahlforum verfolgt hat, kennt das Muster.

Federaus Auftritte wurden dabei von regelmäßigen Buhrufen begleitet. Man könnte meinen, das sei typisch für eine OB-Debatte in einer Stadt, in der die AfD stärkste Fraktion ist. In Schwerin schafft man es eben, gleichzeitig die AfD zur stärksten Kraft zu wählen und sie auszubuhen. Das nennt man vermutlich Meinungsvielfalt.

Heiko Steinmüller brachte unterdessen den stärksten Satz des Abends: An der Suppenküche am Marienplatz arbeiteten nicht „Michael und Klaus“, sondern „Mohammed und Ali“. Womit er Federaus eigene Rhetorik gegen sie selbst wendete. Ob dieser rhetorische Konter für mehr Stimmen am 12. April reicht, darf bezweifelt werden. Aber unterhaltsam war er.

Am 12. April dürfen dann 79.000 Schwerinnerinnen und Schweriner entscheiden, wer die 98.000-Einwohner-Landeshauptstadt in die Zukunft führen soll. Oder zumindest: wer es versuchen darf. Wie sich das Feld derweil schon parteiübergreifend durchmischt, zeigt, dass in Schwerin vor der Wahl schon nichts mehr normal ist.

Quellen: tagesschau.de / NDR, NDR MV

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