Kultur

Nach Kraftklub-Konzert: Schwerin erklärt Kulturkrise offiziell für beendet

Schwerin. Nach dem ausverkauften Kraftklub-Konzert in der Sport- und Kongresshalle am vergangenen Dienstag hat die Schweriner Stadtverwaltung die seit 2009 andauernde Kulturkrise der Landeshauptstadt offiziell für beendet erklärt. In einer eilig einberufenen Pressekonferenz verkündete der Dezernent für kulturelle Grundversorgung, Hartmut Feddersen, dass „die Landeshauptstadt nun endgültig den Beweis erbracht hat, dass sie ein pulsierender Kulturstandort ist“.

7.000 Menschen hatten am Dienstagabend die Sport- und Kongresshalle gefüllt — ein Ereignis, das in Schwerin zuletzt bei der Bundesgartenschau 2009 beobachtet wurde, als mehrere Menschen gleichzeitig an einem Ort Spaß hatten. Zuletzt hatte eine Jugendumfrage ergeben, dass der häufigste Wunsch junger Schweriner ein Umzugswagen ist. „Wir können jetzt mit Fug und Recht sagen: Schwerin hat kulturell aufgeholt“, so Feddersen. „Berlin hat die Berghain-Schlange. Wir hatten am Dienstag eine Schlange am Bratwurststand. Das ist im Grunde dasselbe.“

Taskforce „Kultur 2027″ aufgelöst — Auftrag erfüllt

Die 2019 gegründete Taskforce „Kultur 2027″, die ursprünglich Schwerin bis zum Jahr 2027 zu einem „relevanten Kulturstandort in Norddeutschland“ machen sollte, wurde mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Ihr Abschlussbericht umfasst eine Seite und enthält im Wesentlichen den Satz: „Kraftklub war da.“ Die eingesparten Mittel in Höhe von 15.000 Euro sollen laut Verwaltung in die Pflege des Pfaffenteichs fließen.

„Ich bin extra aus Rostock angereist, weil in Schwerin mal was los war. Das passiert ja vielleicht einmal im Jahrzehnt.“

Karina M. (28), Konzertbesucherin aus Rostock

Auf die Frage, ob ein einzelnes Konzert einer Band, die nicht aus Schwerin kommt, in einer Halle, die sonst für Handball und Seniorenmessen genutzt wird, tatsächlich eine Kulturkrise beende, reagierte Feddersen irritiert. „Sie stellen die falschen Fragen. Fragen Sie lieber: Wann kommt das nächste Konzert?“ Eine Antwort darauf konnte er allerdings nicht geben. Man sei „in Gesprächen“, hieß es. Ob damit Gespräche mit Künstlern oder mit sich selbst gemeint waren, blieb unklar.

Kulturhauptstadt-Bewerbung „nicht ausgeschlossen“

Unterdessen soll bereits eine Arbeitsgruppe prüfen, ob sich Schwerin als Europäische Kulturhauptstadt bewerben könne. „Essen hat das 2010 geschafft, und da ist auch nicht viel los“, argumentierte die Beauftragte für proaktive Stadtverklärung, Sabine Wollschläger. Als kulturelle Highlights nannte sie neben dem Kraftklub-Konzert das Staatstheater, „das eine oder andere Straßenfest“ und den Umstand, dass man vom Marienplatz aus das Schloss sehen könne.

Die Chemnitzer Band Kraftklub selbst hat sich bislang nicht zu ihrer offenbar historischen Rolle bei der kulturellen Wiederbelebung einer Landeshauptstadt geäußert. Ihr Tourauftakt trug den Titel „Sterben in Karl-Marx-Stadt“. Ob das als Kommentar zum Schweriner Nachtleben gemeint war, ist nicht überliefert.

Die nächste kulturelle Großveranstaltung in Schwerin ist für November 2026 geplant: Dieter Nuhr. Die Stadt empfiehlt, sich schon jetzt emotional darauf vorzubereiten.

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