Gesellschaft

MV-Fischer fordern Recht auf Arbeit — Kormorane haben bessere Lobby

In einem freien Land sollte es möglich sein, als Fischer Fische zu fangen. In Mecklenburg-Vorpommern ist diese Annahme offenbar radikal. Denn während 600.000 Kormorane die Ostsee leerfressen dürfen wie ein All-you-can-eat-Buffet, müssen 350 Binnenfischer jedes Jahr aufs Neue betteln, ob sie die Vögel wenigstens verscheuchen dürfen.

„Lasst die Fischer fischen“ — ein offenbar revolutionärer Gedanke

Bei der Jahrestagung des Landesfischereiverbands in Waren an der Müritz forderte Verbandspräsident Sebastian Paetsch eine Lockerung beim Kormoran-Management. 600.000 der schwarzen Vögel allein im Ostseeraum — da könne einem „keiner mehr erzählen, dass diese Art bedroht ist“. Die Antwort der Bürokratie: erstmal einen Antrag stellen.

„Weil man Fische nicht streicheln kann, hört der Naturschutz in Politik und Gesellschaft bisher an der Wasseroberfläche auf.“

Brandenburger Fischexperte Lars Dettmann bringt es auf den Punkt: Dänische Wissenschaftler haben errechnet, dass Kormorane allein in der westlichen Ostsee bis zu 15 Millionen Jungdorsche pro Jahr vertilgen. Die Reproduktionsrate? 4 bis 17 Millionen. Man muss kein Mathematiker sein, um zu verstehen, warum der Nordosten seinen eigenen Fisch importieren muss — aus Asien, versteht sich.

Lewitz-Karpfen: Jedes Jahr neu fragen, ob man arbeiten darf

Hannes Wagner, 32, bewirtschaftet seit einem Jahr die legendären Lewitz-Karpfenteiche in Westmecklenburg. Sein Alltag: nicht etwa Fische züchten, sondern Formulare ausfüllen. Jedes Jahr muss er erneut beantragen, ob er Kormorane vergrämen darf. Die Antwort variiert zwischen „vielleicht“ und „haben Sie Formular 27b/6 ausgefüllt?“

„Ich habe den Eindruck, dass sich Fischereiwirtschaft und Naturschutz sozusagen entkoppelt haben“, sagt Wagner diplomatisch. Übersetzt: Die eine Hand weiß nicht, was die andere verbietet.

Während Deutschland jährlich Tonnen von Zuchtfisch aus asiatischen Aquakulturen importiert, produzieren die 50 Binnenfischerei-Betriebe in MV gerade mal 400 Tonnen im Jahr — für 22 Millionen Euro Umsatz. Zum Vergleich: Ein mittlerer Kormoran frisst täglich ein halbes Kilo Fisch. Multipliziert mit 600.000 Vögeln sind das 300 Tonnen. Am Tag. Die Fischer haben also buchstäblich keine Chance gegen ihre gefiederte Konkurrenz, die weder Steuern zahlt noch Anträge ausfüllen muss.

Robben in Sippenhaft, Fischer auch

Weil in einigen Reusen tote Robben gefunden wurden, steht gleich eine ganze Branche unter Generalverdacht. „Man darf nicht die gesamte Fischereibranche in Sippenhaft nehmen“, sagt Paetsch. Aber so läuft das in Deutschland: Ein Vorfall, eine Branche, ein Strafbefehl. Dass sich Robben und Fischotter trotz der Fischerei prächtig vermehrt haben, stört die Erzählung natürlich.

Der Fischer gilt als ältester Beruf der Welt. In MV könnte er bald auch der seltenste sein — nicht weil es keine Fische gibt, sondern weil es zu viele Formulare gibt.

Quellen: Nordkurier

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