Es gibt Verwaltungsvorgänge, die erzählen eine ganze Geschichte. Die Geschichte der Schweriner Milieuschutzsatzung ist so eine — nur ohne Höhepunkt, ohne Wendung und ohne Schluss. Dafür mit einem bemerkenswert eleganten Verschwinden ins Nirgendwo.
Eineinhalb Jahre Prüfung, null Ergebnis
Im September 2024 beschloss die Stadtvertretung einen Prüfauftrag: Der Oberbürgermeister möge doch bitte untersuchen lassen, ob Schwerin eine Milieuschutzsatzung braucht. Konkret: ob man bis Sommer 2025 einen Satzungsentwurf vorlegen könne. Anderthalb Jahre später liegt das Ergebnis vor — und es lautet im Wesentlichen: nein. Keine Satzung. Kein Entwurf. Nicht mal ein Ansatz. Die Stadtvertretung soll das Ganze „zur Kenntnis nehmen“. Was in der Verwaltungssprache bedeutet: zur Seite legen und nie wieder anfassen.
Die Begründung ist dabei so schön kreisförmig, dass man sie einrahmen möchte: Für eine Milieuschutzsatzung brauche man empirische Untersuchungen. Diese Untersuchungen gibt es nicht. Also kann man auch keine Satzung machen. Warum man die Untersuchungen nicht einfach durchführt? Dazu schweigt die Vorlage mit der Würde einer Sphinx.
„Aufgrund der derzeitigen Datengrundlagen liegen die Voraussetzungen für Milieuschutzsatzungen in Schwerin nicht vor.“ — Stadtverwaltung Schwerin, 2026
Übersetzt: Wir haben nicht hingeschaut und können daher bestätigen, dass es nichts zu sehen gibt.
Statt Milieuschutz: Wir haben da schon was anderes
Besonders elegant ist der Verweis der Verwaltung auf die Zweckentfremdungssatzung, die ja bereits existiere. Die schützt davor, dass Wohnungen in Ferienwohnungen umgewandelt werden. Was natürlich ein völlig anderes Thema ist als Milieuschutz. Wer dagegen durch Luxusmodernisierung aus seiner Wohnung verdrängt wird, kann ja stattdessen einfach… ja, was eigentlich?
Aber die Verwaltung erklärt den Prüfauftrag damit für „umgesetzt“. Das ist ungefähr so, als würde man jemanden bitten, das Dach zu reparieren, und der antwortet: Ich hab den Keller gefegt, Thema erledigt.
Schwerin hat bekanntlich großartige Ideen beim Thema Wohnungsbau — man plant viel, prüft lang und baut am Ende meistens nur Aktenordner. Da passt es ins Bild, dass auch der Schutz bestehender Wohnviertel erst einmal vertagt wird. Vertagen ist ja auch eine Art von Handeln. Nur halt ohne das Handeln.
Die Botschaft zwischen den Zeilen
Was die Vorlage eigentlich sagt, ist: Solange niemand laut genug schreit, bleibt alles wie es ist. Ob und wo in Schwerin Menschen durch steigende Mieten, Umbauten oder Eigentumsumwandlungen verdrängt werden — man weiß es nicht. Nicht weil es unmöglich wäre, das herauszufinden. Sondern weil man lieber nicht hinschaut.
Für eine Stadt, die sich gerne als lebenswert vermarktet, ist das ein ziemlich klares Signal: Lebenswert ja, aber bitte nicht nachfragen für wen.
Quellen: schwerin.news
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