Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein ehemaliger Bundeskanzler der SPD macht plötzlich Wahlkampf für Friedrich Merz. Die halbe Republik würde in Schnappatmung verfallen. In Schwerin? In Schwerin ist das einfach Donnerstag.
Angelika Gramkow, acht Jahre lang Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt, Urgestein der Linken, Symbolfigur für linke Kommunalpolitik in Mecklenburg-Vorpommern – diese Angelika Gramkow unterstützt bei der OB-Wahl am 12. April ausgerechnet Sebastian Ehlers von der CDU. Und zwar nicht heimlich beim Kaffee, sondern auf einem Wahlplakat.
Er halte, was er verspreche
Ehlers halte, was er verspreche, so Gramkow gegenüber NDR 1 Radio MV. Für den CDU-Kandidaten sei das natürlich ein starkes Zeichen – wenn die ehemalige Oberbürgermeisterin einer konkurrierenden Partei einem attestiert, man sei vertrauenswürdig, dann ist das in Schwerin so etwas wie ein Ritterschlag. Zumindest für den CDU-Wahlkampf.
Für die Schweriner Linke hingegen dürfte das eher ein Dolchstoß sein. Immerhin unterstützt der Kreisverband offiziell Mandy Pfeifer (SPD) als gemeinsame Kandidatin von SPD und Linken. Man habe sich bewusst für eine gemeinsame Kampagne mit der SPD entschieden, betonen die Kreisvorsitzenden Tieding und Trepsdorf. Und dann kommt die prominenteste Linke der Stadt und wirbt für den Klassenfeind.
„Das ist ein persönlicher Alleingang.“
Linken-Kreisverband Schwerin über Angelika Gramkows Wahlempfehlung für den CDU-Kandidaten
Die Stadt, die nicht mal parteiübergreifend streiten kann
Es ist die schönste Pointe dieses Wahlkampfs: Die Linke in Schwerin hat sich mit der SPD verbündet, die Grünen stehen auch hinter Pfeifer – und dann haut die bekannteste Linke der Stadt öffentlich auf die eigene Koalition. Gramkow lebe seit Jahren nicht mehr in Schwerin und kenne die Lage vor Ort nicht, kontert der Kreisverband. Was natürlich die Frage aufwirft: Wenn eine ehemalige OB nach ein paar Jahren Abwesenheit die Stadt nicht mehr kennt – was sagt das über die Geschwindigkeit der Veränderung in Schwerin? Richtig: gar nichts. Die Stadt hat sich seit 2016 ungefähr so stark verändert wie der Pfaffenteich seinen Wasserstand. Plus/minus nichts.
Für Ehlers ist die Gramkow-Unterstützung jedenfalls Gold wert. Im Wahlkampf der sieben Kandidaten – in dem die AfD mit Petra Federau die stärkste Fraktion vertritt und Mandy Pfeifer das rot-rot-grüne Bündnis hinter sich hat – kann jede Stimme aus dem gegnerischen Lager den Unterschied machen. Dass ausgerechnet eine Linke für den CDU-Mann wirbt, könnte Wähler aus der politischen Mitte überzeugen, die sonst zwischen Ehlers und Pfeifer schwanken.
Oder, und das ist die Schwerin-typische Variante: Es interessiert am Ende einfach niemanden. Die Wahlbeteiligung wird irgendwo bei 45 Prozent landen, der Pfaffenteich wird weiter vor sich hin plätschern, und wer auch immer gewinnt, wird in drei Jahren erklären, warum Schwerin leider immer noch kein ICE-Anschluss hat.
Aber hey – wenigstens hat Schwerin jetzt einen echten Polit-Krimi. In einer Stadt, in der sonst die aufregendste Nachricht ist, dass das Kressmann die Umkleidekabinen renoviert.
Quellen: tagesschau.de / NDR
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
