Schwerin hat sich entschieden — oder besser gesagt: Schwerin hat sich entschieden, sich nicht zu entscheiden. Nach 36 Jahren erbittertem Streit über die Lenin-Statue im Stadtteil Mueßer Holz hat die Stadtvertretung am Montagabend eine klare Position bezogen: Man sei grundsätzlich dagegen, könne aber nichts machen, wolle aber trotzdem was gesagt haben. Die Statue bleibt damit im Amt — länger als jeder Oberbürgermeister, jeder Dezernent und vermutlich auch als die meisten Einwohner der Stadt.
Wie die Personalabteilung der Landeshauptstadt bestätigte, erfüllt die überlebensgroße Bronzefigur des sowjetischen Revolutionsführers mit 36 ununterbrochenen Dienstjahren sämtliche Voraussetzungen für eine Verbeamtung auf Lebenszeit. „Herr Lenin hat in all den Jahren keinen einzigen Krankheitstag genommen, war nie zu spät und hat sich an keiner einzigen Intrige beteiligt“, erklärte die fiktive Dezernentin für Personalwesen und Standbildfragen, Karin Sockelfest-Betoniert. „Das kann man von den wenigsten Mitarbeitern in dieser Verwaltung behaupten.“
Stadtvertretung: Grundsätzlich dagegen, im Detail dafür, insgesamt unklar
Die Debatte im Demmlersaal soll an Intensität kaum zu überbieten gewesen sein. Vertreter aller Fraktionen meldeten sich zu Wort, um klarzustellen, dass sie eine Meinung haben — nur eben keine einheitliche. Die Grünen forderten Haltung, die Linke forderte Differenzierung, die CDU forderte Entscheidungskraft, und die SPD forderte erst mal eine Versachlichung der Diskussion. Am Ende stimmte man mit deutlicher Mehrheit dafür, dem Land mitzuteilen, dass man dagegen sei, aber die Entscheidung ja ohnehin nicht bei der Stadt liege.
„Wir haben heute ein starkes Zeichen gesetzt. Wofür genau, klären wir in der nächsten Ausschusssitzung.“
— Fraktionsvorsitzender einer nicht näher genannten Partei, der anonym bleiben möchte, weil er sich nicht mehr erinnert, wofür er gestimmt hat
Besonders kreativ zeigte sich die ASK-Fraktion, die unter anderem vorschlug, einen bronzenen Hund neben die Statue zu stellen, der Lenin dauerhaft anpinkelt. Der Vorschlag wurde weder angenommen noch abgelehnt, sondern — ganz im Schwerin-Stil — zur weiteren Prüfung in einen Unterausschuss verwiesen.
Lenin selbst schweigt — wie üblich
Während sich die Stadtvertretung in einer mehrstündigen Debatte erging, stand der Betroffene selbst ungerührt an seinem Arbeitsplatz in Mueßer Holz und tat, was er seit 1985 tut: nichts. Damit sei er, so Insider, bestens qualifiziert für eine Karriere in der Schweriner Kommunalpolitik — eine Fähigkeit, die in Schwerin besonders geschätzt wird. Gerüchten zufolge wurde ihm bereits eine Kandidatur für die anstehende OB-Wahl angetragen. „Er hätte gute Chancen“, so ein Verwaltungsmitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Er ist der Einzige, der seit 36 Jahren konsequent seine Position hält.“
Das Landesdenkmalamt, das die eigentliche Entscheidung über den Denkmalschutz trifft, soll die Schweriner Stellungnahme „mit Interesse zur Kenntnis genommen“ haben — eine Formulierung, die in der Verwaltungssprache bekanntlich bedeutet: direkt ins Altpapier.
Die Redaktion gratuliert der Lenin-Statue zum 36-jährigen Dienstjubiläum und wünscht mindestens weitere 36 Jahre ergebnislosen Diskurs.
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