Wer in Schwerin einen Kitaplatz sucht, braucht drei Dinge: Geduld, Glück und die Bereitschaft, sein komplettes Privatleben um Antragsfrist zu organisieren. Die Stadt hat einen offiziellen „Kita-Planer“ eingeführt, über den Eltern digital nach Plätzen suchen können. Klingt modern. Ist es auch, wenn man ignoriert, dass das Grundproblem ein anderes ist: Es gibt zu wenige Plätze und zu wenig Personal.
Mecklenburg-Vorpommern hat bundesweit den schlechtesten Betreuungsschlüssel. Eine pädagogische Fachkraft betreut hier sechs Krippenkinder oder 15 Kindergartenkinder. Zum Vergleich: Baden-Württemberg liegt bei 1:3 in der Krippe und 1:7 im Kindergarten. Man könnte sagen, mecklenburgische Kinder lernen früh Selbstständigkeit. Man könnte aber auch sagen: Das ist eine Zumutung.
Der schlechteste Betreuungsschlüssel der Republik
Die Bertelsmann Stiftung hat es schwarz auf weiß bestätigt: MV gehört zu den Bundesländern, in denen die Fachkraftquote in Kitas sogar sinkt. Nicht steigt. Sinkt. Das heißt: Es werden nicht nur nicht genug Erzieher ausgebildet, es gehen auch noch welche verloren. An besser zahlende Bundesländer, an den Burnout, an die Erkenntnis, dass man als Erzieher in Schwerin von der Vergütung allein kaum über die Runden kommt.
Um den Betreuungsschlüssel auf ein akzeptables Niveau zu bringen, bräuchte MV nach Schätzungen bis 2030 rund 12.000 zusätzliche Fachkräfte. Zwölftausend. In einem Bundesland, das insgesamt nur 1,6 Millionen Einwohner hat und in dem die Überalterung das drängendste demografische Problem ist. Wo sollen die herkommen?
Wir haben uns bei acht Kitas angemeldet. Bei sechs haben wir nie eine Antwort bekommen. Eine hat uns auf die Warteliste gesetzt. Eine hat es nach 14 Monaten geklappt.
So oder so ähnlich: Eine junge Mutter aus Schwerin
Antrag bis April, Platz ab vielleicht
In Schwerin müssen Eltern ihren Antrag auf einen Kita- oder Hortplatz bis April einreichen. Per Post oder per Mail. Im Jahr 2026. Man könnte das digitaler lösen, aber hey, es ist Schwerin, die Stadt, die auch ihre Verwaltung noch mit dem Faxgerät betreibt.
Das Land hat zwar stufenweise den Betreuungsschlüssel verbessert: ab August 2023, 2024, 2025 jeweils leichte Korrekturen. In der Krippe ging es von 1:6 auf 1:5, perspektivisch 1:4. Klingt nach Fortschritt. Ist es auch, wenn man nicht nachrechnet: Besserer Schlüssel bedeutet mehr Fachkräfte pro Kind. Mehr Fachkräfte, die es nicht gibt. Die Verbesserung auf dem Papier führt in der Praxis zu Gruppenreduzierungen und Aufnahmestopps. Ein Schildbürgerstreich der Bildungspolitik.
Für junge Familien in Schwerin ist die Kitaplatz-Suche deshalb weniger Verwaltungsakt als Überlebenskampf. Und ein weiterer Grund, warum die Stadt ihre wenigen jungen Einwohner verliert. Wer nach einem Jahr auf der Warteliste immer noch keinen Platz hat, der überlegt sich, ob unter 30 in Schwerin wirklich die richtige Idee war. Die Antwort kennen wir: 30.000 Menschen weniger seit 1990.
Schwerin braucht junge Familien. Junge Familien brauchen Kitaplätze. Kitaplätze brauchen Erzieher. Erzieher brauchen bessere Bezahlung. Bessere Bezahlung braucht Geld. Geld hat Schwerin nicht. Willkommen im Teufelskreis der kleinsten Landeshauptstadt.
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
