Das 35. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern hat sein Gastland gefunden: Island. Und man muss sagen — die Wahl ist so passend, dass es wehtut. Zwei Orte am gefühlten Ende der Welt, die beide davon leben, dass Besucher staunend sagen: „Ach, hier ist es ja doch ganz schön.“ Schwerin und Reykjavík: Schwesterstädte im Geiste, verbunden durch raues Wetter, leere Straßen und den unbedingten Willen, trotzdem Kultur zu machen.
Stummfilme von 1919, ein Oscar-Beitrag und ein Film namens „Anorgasmia“
Das Programm liest sich wie eine Mischung aus Arthouse-Traum und nordischer Melancholie. Island schickt „The Mountain“ von Ásthildur Kjartansdóttir als deutsche Erstaufführung, dazu den Oscar-Beitrag „The Love That Remains“ von Hlynur Pálmason. Und dann wäre da noch „Anorgasmia“ von Jon Einarsson Gustafsson — ein Filmtitel, der in Schwerin vermutlich mehr Diskussionsbedarf auslöst als der gesamte Stadtvertretungsbeschluss zur Haushaltssperre.
Besonders charmant: Ein restaurierter Stummfilm von 1919 wird gezeigt. „Die Leute auf Borg“, eine dänisch-isländische Produktion, die älter ist als die meisten Gebäude in Schwerin-Lankow. Ein Filmhistoriker reist extra aus Reykjavík an, um den Film persönlich einzuführen. In einer Stadt, die gerade erst gelernt hat, dass Kunst auch international funktioniert, ist das fast schon revolutionär.
„Die Familiensaga berührt noch heute.“
— Festivalleiter Volker Kufahl über einen Film von 1919, der in Schwerin vermutlich modernere Infrastruktur zeigt als der aktuelle Nahverkehr
Kräuterworkshops und Nordlichter im Capitol
Das Rahmenprogramm startet am 4. Mai mit einem Konzert der isländischen Band LÓN auf dem Schweriner Marktplatz. Eine Band aus Island, die akustische Arrangements und erzählerische Texte macht — auf dem Schweriner Marktplatz, wo normalerweise der Wind die einzige Geräuschkulisse ist. Dazu gibt es Kräutermischung-Workshops im Café wertvoll, isländische Märchen für Kinder und eine Multimedia-Show über Nordlichter und Lava im Capitol.
Man stelle sich vor: Schweriner sitzen im Capitol und schauen sich Bilder von Islands rauen Vulkanlandschaften an, während draußen die Straßenbahnschienen quietschen und der Pfaffenteich so dramatisch daliegt wie ein eingefrorenes Planschbecken. Kultur in MV wird bekanntlich mit 6.500 Euro gefördert — Island investiert da mehr in eine einzelne Filmförderung. Aber Hauptsache, es wird gemacht.
Das Filmkunstfest läuft vom 5. bis 10. Mai 2026. Wer hingehen will, sollte sich beeilen — nicht wegen der Tickets, sondern weil der Bus nach 20 Uhr nicht mehr fährt. Willkommen in Schwerin. Willkommen auf der Insel.
Quellen: Nordkurier
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