In Schwerin passiert gerade etwas, das in jeder anderen Stadt der Welt unter „Realsatire“ laufen würde: Ein Gastronom investiert mehr als 100.000 Euro in den Umbau eines Restaurants direkt am Dom, wartet monatelang auf Genehmigungen, und darf am Ende trotzdem keinen Alkohol ausschenken. Willkommen in der Landeshauptstadt, wo Bürokratie nicht nur Schlösser schützt, sondern auch Ouzo-Gläser.
Vom Brautkleid zum Gyros — aber ohne Wein
Wo bis vor Kurzem noch Hochzeitskleider in Vitrinen hingen, riecht es jetzt nach Souvlaki und zerplatzten Träumen. Das „Dionysos“ in der Puschkinstraße, direkt zwischen Markt und Dom gelegen, hat aus einem ehemaligen Brautsalon ein griechisches Restaurant mit 72 Plätzen gemacht. Gepolsterte Sitzbänke, geschwungene Wandnischen, warme Farben. Alles da. Nur die Ausschankgenehmigung fehlt.
Betreiber Raman Shibhanovs wollte eigentlich vor Weihnachten eröffnen. Dann wurde es Januar. Dann Februar. Jetzt ist März, und die Genehmigungsverfahren in der Schweriner Altstadt brauchen offenbar mehr Zeit als der durchschnittliche Reifungsprozess eines Feta-Käses.
„In Schwerin brauchst du keine Speisekarte. Du brauchst einen Anwalt, einen Sachverständigen und sehr viel Geduld.“
Die Ironie: Das Restaurant heißt „Dionysos“, benannt nach dem griechischen Gott des Weines. Ein griechisches Restaurant am Dom einer Landeshauptstadt, das keinen Alkohol ausschenken darf, ist in etwa so, als würde man einen Fischkutter ohne Netze auslaufen lassen. Aber hey, das Gebäude gehörte einst einer jüdischen Diamantenhändlerin, Touristengruppen bleiben regelmäßig stehen. Wenigstens die Gaffer-Quote stimmt.
Schwerin: Wo Investoren erst investieren und dann fragen dürfen
Mehr als 100.000 Euro hat Shibhanovs in den Umbau gesteckt. Seine Küchencrew kommt direkt aus Griechenland, die Cocktailkarte wurde monatelang mit Freunden entwickelt. Nur: Cocktails mixen darf er halt nicht. Griechische Spirituosen stehen bereit, eigene Drinks wurden kreiert, der Barbetrieb war fest eingeplant. Die Behörde sagt: Nö.
In einer Stadt, die inoffiziell ab 20 Uhr Sperrstunde hat, überrascht das natürlich niemanden. In Rostock hätte man vermutlich schon die dritte Ouzo-Runde bestellt. In Lübeck wäre die Terrasse genehmigt. In Schwerin prüft man erst mal, ob die Wandnische den Denkmalschutzrichtlinien entspricht.
„Ich habe solches Essen in Schwerin vermisst. Aber was nützt ein griechischer Abend ohne Wein? Das ist wie Schwerin ohne Bürokratie: theoretisch möglich, praktisch undenkbar.“
Immerhin: Das griechische Restaurant „Alati“ wurde kürzlich von Uber-Eats-Kunden zum beliebtesten Restaurant in ganz MV gewählt. Die Nachfrage nach griechischer Küche ist also da. Die Nachfrage nach funktionierenden Genehmigungsverfahren offensichtlich auch.
Bis die Ausschankgenehmigung kommt, bleibt den Gästen des „Dionysos“ nur Wasser. Stilles, versteht sich. Wie die Hoffnung auf eine unkomplizierte Gewerbeanmeldung in der Landeshauptstadt.
Quellen: Ostsee Zeitung, Nordkurier
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