Schwerin. Am kommenden Sonntag ist Internationaler Frauentag — und damit in Mecklenburg-Vorpommern gesetzlicher Feiertag. Was in den meisten Bundesländern ein normaler Arbeitstag wäre, sorgt in der Landeshauptstadt traditionell für Verwirrung: Die geschlossenen Geschäfte, leeren Straßen und die gespenstische Stille in der Innenstadt sind von einem durchschnittlichen Mittwochnachmittag schlicht nicht zu unterscheiden.
Wie aus Kreisen der Stadtverwaltung verlautete, habe es am vergangenen Frauentag bis etwa 11:30 Uhr gedauert, bis die erste offizielle Stelle bemerkte, dass tatsächlich Feiertag war. Eine Sachbearbeiterin im Bürgeramt soll stutzig geworden sein, als exakt null Wartende vor ihrer Tür standen — was allerdings auch an einem normalen Dienstag vorkommen könne, wie sie einräumte.
Wir haben gegen 10 Uhr eine Bürgerin angerufen, um einen Termin zu bestätigen. Sie fragte, ob wir nicht wüssten, dass Feiertag sei. Wir dachten, sie meint emotional.
Kerstin Drawert-Holbach, Dezernentin für Verwaltungsabläufe und kalendarische Orientierung
Das Problem ist nicht neu. Seit der Einführung des Frauentags als Feiertag in MV im Jahr 2023 kämpft Schwerin mit einem Phänomen, das Soziologen als „Feiertagsblindheit durch chronische Inaktivität“ bezeichnen. In einer Stadt, in der die Marienplatz-Galerie an Samstagen weniger Besucher zählt als der Parkplatz eines geschlossenen Baumarkts, fehlen schlicht die Indikatoren, an denen man einen Feiertag erkennen könnte.
Taskforce soll Feiertage künftig sichtbar machen
Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum hat daraufhin eine interfraktionelle Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die Vorschläge erarbeiten soll, wie Feiertage in Schwerin künftig von normalen Wochentagen unterscheidbar gemacht werden können. Ein erster Entwurf sieht vor, an Feiertagen eine rote Flagge am Schweriner Schloss zu hissen. Der Vorschlag wurde vertagt, weil zunächst geprüft werden müsse, ob jemand es bemerken würde.
Auch der Einzelhandel zeigt sich ratlos. Inhaber eines der verbliebenen Geschäfte am Marienplatz berichtete, er habe seinen Laden am vergangenen 8. März versehentlich geöffnet und erst gegen Mittag gemerkt, dass er eigentlich frei hätte — als weiterhin niemand kam. „Das war dann doch verdächtig wenig. Normalerweise kommt wenigstens die Dame, die nach dem Weg zum Schloss fragt.“
Berlin beneidet Schwerin um Gelassenheit
In Berlin stürmen am Frauentag alle in die Cafés und Restaurants. In Schwerin sind die ohnehin zu. Das ist, wenn man so will, die fortschrittlichste Form der Gleichberechtigung: Alle haben gleichermaßen nichts zu tun.
Dr. Jens-Uwe Kamrath, Politikwissenschaftler und gebürtiger Schweriner (wohnhaft in Hamburg seit 2004)
Das Statistische Landesamt hat unterdessen eine Studie in Auftrag gegeben, die untersuchen soll, ob die Einführung weiterer Feiertage in MV messbare Auswirkungen auf das öffentliche Leben in Schwerin hätte. Erste Prognosen deuten darauf hin, dass selbst ein zusätzlicher Feiertag pro Woche die Besucherfrequenz in der Innenstadt nicht signifikant verändern würde. Die Studie wird voraussichtlich 2029 vorliegen — sofern die zuständige Behörde bis dahin nicht auch an einem Feiertag versehentlich arbeitet.
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