Klartext

Fachkräftemangel in Schwerin: Die Azubis gehen schneller, als sie kommen

43 Prozent. So viele Ausbildungsbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern konnten 2023 nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Die Hälfte davon bekam überhaupt keine einzige Bewerbung. Null. Nicht eine schlechte, nicht eine unpassende. Einfach keine. Der Briefkasten blieb leer, das Postfach auch.

Die IHK Schwerin zählte 2024 landesweit 4.834 neue Ausbildungsverträge. Klingt erstmal nach einer Zahl. Bis man sie in Kontext setzt: Das sind genauso viele wie im Vorjahr. In einem Bundesland, das händeringend Fachkräfte braucht, stagniert die Ausbildung auf einem Niveau, das bestenfalls als „Schadensbegrenzung“ durchgeht.

Die Drehtür-Ausbildung

Aber es kommt schlimmer. 18 Prozent der Betriebe berichten von Ausbildungsabbrüchen in der Probezeit. 13 Prozent sagen, die Azubis hätten ihre Ausbildung gar nicht erst angetreten. Man unterschreibt den Vertrag im Juni, und im September kommt niemand. Einfach so. Und dann steht der Handwerksmeister in seiner Werkstatt und erklärt seinem einzigen verbliebenen Gesellen, dass sie den Sommer mal wieder zu zweit durchstehen müssen.

„Wir haben seit vier Jahren keinen Azubi aus der Region mehr. Die letzten zwei kamen über ein Vermittlungsprogramm. Einer ist nach drei Monaten gegangen, der andere nach sechs.“

So oder so ähnlich klingt es bei Mittelständlern in ganz MV

Das Problem hat einen Namen: Brain Drain. Und Schwerin ist das Epizentrum. Eine Landeshauptstadt ohne Universität, ohne relevante Hochschule, ohne zukunftsfähige Branchen jenseits von Verwaltung und Pflege. Wer in Schwerin Abitur macht und irgendwas mit IT, Medien, Ingenieurwesen oder Wirtschaft studieren will, muss gehen. Und wer geht, kommt nicht wieder.

Der Teufelskreis

Weniger junge Menschen bedeuten weniger Azubis. Weniger Azubis bedeuten weniger Fachkräfte. Weniger Fachkräfte bedeuten weniger wirtschaftliche Dynamik. Weniger Dynamik bedeutet weniger Jobs. Weniger Jobs bedeuten: Die nächste Generation geht auch. Der Brief an die Weggezogenen schreibt sich von alleine.

Jena macht vor, wie es anders geht: Eine Uni, Technologie-Unternehmen, ein Durchschnittsalter von 42 Jahren. Schwerin hat 47,6. Jena wächst, Schwerin schrumpft. Der Unterschied ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Jahrzehnten unterschiedlicher Prioritäten.

Die IHK Schwerin wirbt jetzt verstärkt um ausländische Azubis. Deren Anteil stieg leicht auf 795 Auszubildende landesweit. Das ist ein Anfang. Aber es ist Pflaster auf einer Wunde, die eine Operation bräuchte. Solange Schwerin keinen Grund liefert zu bleiben, wird es immer eine Stadt sein, in der die Azubis schneller gehen, als sie kommen.

Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.

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