Schwerin darf sich ab 2028 offiziell „Europäische Kulturhauptstadt der Stille“ nennen. Das teilte eine fiktive EU-Kommission am Mittwoch mit. Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns habe sich in einem mehrstufigen Auswahlverfahren gegen 47 Mitbewerber durchgesetzt — unter anderem gegen eine verlassene Bergarbeitersiedlung in Wales und einen aufgelösten Militärstützpunkt in Estland.
„Schwerin hat uns restlos überzeugt“, erklärte die Vorsitzende der Jury, Dr. Margarethe Lautlos, bei der Bekanntgabe. „Keine andere Stadt in Europa schafft es, auf einer Fläche von 130 Quadratkilometern eine derart konsequente akustische Leere zu erzeugen. Ab 20 Uhr herrscht hier eine Stille, die wir sonst nur aus Kernforschungslaboren kennen.“
Bewerbung war gar keine Bewerbung
Pikant: Schwerin hatte sich gar nicht beworben. Ein EU-Beamter war im vergangenen Herbst auf der Durchreise von Hamburg nach Rügen versehentlich am Schweriner Hauptbahnhof ausgestiegen und hatte die Stadt für ein verlassenes Freilichtmuseum gehalten. Sein begeisterter Bericht über „die radikalste Entschleunigung, die Europa zu bieten hat“ landete auf dem Schreibtisch der Kulturkommissarin.
„Ich habe um 19:30 Uhr ein Restaurant gesucht und um 19:45 Uhr aufgegeben. Die Stille war so vollständig, dass ich meinen eigenen Herzschlag hören konnte. Das war der spirituellste Moment meines Lebens.“
— EU-Beamter Jean-Claude Verschlafen, Abteilung für regionale Entschleunigung
Die Stadt reagierte zunächst überrascht, dann pragmatisch. Der Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum soll laut Rathauskreisen gesagt haben, man nehme die Auszeichnung „demütig und leise“ entgegen — wobei „leise“ in Schwerin kein Adjektiv, sondern eine Zustandsbeschreibung sei.
Programm für 2028 steht bereits: Nichts
Für das Kulturhauptstadtjahr plant die Stadtverwaltung ein „ambitioniertes Rahmenprogramm“, das ausschließlich aus Stille bestehe. Geplant seien unter anderem: eine „Nacht der offenen Geschäfte“ (Besucher können durch leere Schaufenster schauen), ein „Festival der geschlossenen Gastronomie“ (kulinarische Führung vorbei an Restaurants, die um 21 Uhr bereits die Stühle hochgestellt haben) sowie ein „Schweigemarsch durch die Innenstadt“ — der sich laut Organisatoren nicht vom normalen Donnerstagabend unterscheiden werde.
Besonders stolz ist man auf die Hauptattraktion: eine 24-Stunden-Livestream-Kamera am Marienplatz. „Wir rechnen mit bis zu 14 Bewegungen pro Stunde in der Spitze“, erklärte die Dezernentin für proaktive Ereignislosigkeit, Frauke Windstille. „Zwischen 22 und 6 Uhr bieten wir ein vollkommen ungeschnittenes Stillleben. Das ist Kunst.“
„Andere Städte müssen Millionen investieren, um Kultur zu schaffen. Wir haben einfach alles weggelassen und gewartet, bis jemand das als Konzept erkennt.“
— Frauke Windstille, Dezernentin für proaktive Ereignislosigkeit
Kritik kommt derweil aus Rostock. Die Oberbürgermeisterin der Hansestadt erklärte, auch Rostock sei „teilweise sehr ruhig“. Eine Bewerbung als „Europäische Hauptstadt des Mittelmaßes“ sei bereits in Vorbereitung. Schwerin konterte gelassen: „Rostock hat eine Universität, Nachtleben und über 200.000 Einwohner. Die kommen für den Stille-Titel gar nicht in Frage.“
Die EU stellt für das Projekt übrigens 1,2 Millionen Euro bereit. Schwerin plant, das Geld in eine zweite Parkbank am Pfaffenteich — neben den Salatbänken zu investieren.
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