Schwerin hat ein Jugendproblem. Das sagen alle sieben OB-Kandidaten, die seit Wochen auf Podien sitzen und sich gegenseitig darin überbieten, wer die jungen Menschen in der Landeshauptstadt noch leidenschaftlicher zurückgewinnen möchte. Was keiner von ihnen ahnte: Die Jugend hat am Mittwochabend geantwortet. Mit Sprühfarbe.
Zwei junge Männer, 18 und 19 Jahre alt, wurden dabei beobachtet, wie sie ein großes Wahlplakat besprühten und neun weitere kleinere Plakate im Bereich Knaudtstraße und Pfaffenteich beschädigten. Anschließend entsorgten sie die abgerissenen Exemplare ordnungsgemäß in Müllbehältern. Man könnte fast sagen: Sie haben mehr für die Sauberkeit in Schwerin getan als die meisten Wahlprogramme versprechen.
Staatsschutz ermittelt — weil es offenbar wichtiger ist als alles andere
Die Polizei konnte die beiden Tatverdächtigen auf frischer Tat stellen. Die jungen Männer versuchten zu fliehen, wurden aber kurze Zeit später erneut gefasst. Der Staatsschutz ermittelt. Ja, richtig gelesen. Der Staatsschutz. Für besprühte Wahlplakate. In einer Stadt, in der es kein einziges Nachtlokal mehr gibt, keine Universität und keinen ICE-Anschluss, aber jetzt offenbar eine Bedrohung der inneren Sicherheit durch zwei Teenager mit Farbdosen.
Endlich mal junge Leute, die sich politisch engagieren. Nur halt nicht so, wie es im Programm steht.
Ein Anwohner am Pfaffenteich, der namentlich nicht genannt werden möchte
Was die zwei Sprüher nicht wussten: Nur wenige Stunden zuvor hatten alle sieben OB-Kandidaten beim ausgebuchten SVZ-Wahlforum im Wichernsaal ihre Visionen für die Stadt vorgetragen. 200 Plätze, live im Stream, strenges Zeitreglement. Jeder durfte zwei Minuten reden. Die Jugend durfte zuhören.
Die Stadt will junge Menschen — junge Menschen wollen offenbar andere Plakate
Am Freitag, also übermorgen, lädt der Stadtschülerrat zur Podiumsdiskussion im Demmlersaal. Thema: Jugendbeteiligung, Schulpolitik, Nahverkehr, Gewalt an Schulen. Die OB-Kandidaten sollen dort erklären, wie Schwerin für junge Menschen besser werden kann. Man darf gespannt sein, ob einer von ihnen den Mut hat, das Offensichtliche auszusprechen: Die politischste Jugendaktion in Schwerin seit dem Lankow-Bürgerentscheid fand nicht im Demmlersaal statt, sondern nachts am Pfaffenteich.
Das Timing könnte satirischer nicht sein. Alle Kandidaten reden seit Wochen über Jugendbeteiligung. Mandy Pfeifer will eine Fachstelle Chancengleichheit. Sebastian Ehlers investiert 70.000 Euro in den Wahlkampf und verteilt Mini-Sammelfiguren von sich selbst. Aileen Wosniak fordert konsequente Mitsprache. Und dann kommen zwei Achtzehnjährige und beteiligen sich — nur eben mit dem einzigen Werkzeug, das in Schwerin nach 22 Uhr noch verfügbar ist: Sprühfarbe.
Das Ermittlungsverfahren läuft. Die Plakate werden ersetzt. Der Wahlkampf geht weiter. Und irgendwo in Schwerin sitzen zwei junge Männer, die mehr politische Aufmerksamkeit erzeugt haben als die meisten Stadtvertreter in ihrer gesamten Amtszeit.
Quellen: NDR MV, Nordkurier
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