Wenn in Schwerin ein Feuer brennt, kommen neben der Berufsfeuerwehr auch über 300 ehrenamtliche Einsatzkräfte in fünf Freiwilligen Feuerwehren. Wenn Kinder Fußball spielen wollen, trainieren sie bei ehrenamtlichen Trainern. Wenn alte Menschen einsam sind, besuchen sie Ehrenamtliche. Wenn Flüchtlinge ankommen, betreuen sie Freiwillige. Man könnte sagen: Schwerin ist eine Stadt, die von unbezahlter Arbeit lebt.
In Mecklenburg-Vorpommern engagieren sich rund 600.000 Menschen ehrenamtlich. Bei 1,6 Millionen Einwohnern ist das mehr als jeder Dritte. Das klingt beeindruckend. Ist es auch. Aber es ist auch ein Symptom. Denn wo so viele Freiwillige nötig sind, fehlt es an professionellen Strukturen, an Geld, an hauptamtlichem Personal. Das Ehrenamt füllt Lücken, die der Staat hinterlässt.
Ohne Freiwillige brennt der Laden
Nehmen wir die Feuerwehr. Schwerin hat eine Berufsfeuerwehr mit rund 200 Mitarbeitern. Dazu fünf Freiwillige Feuerwehren mit über 300 Ehrenamtlichen, die im Ernstfall ihren Job stehen lassen und zum Einsatz fahren. Ohne diese 300 Leute wäre der Brandschutz der Landeshauptstadt nicht gewährleistet. Punkt. Das ist keine Übertreibung, das ist die Realität einer Stadt, die sich eine ausreichend große Berufsfeuerwehr offenbar nicht leisten kann oder will.
Und die Feuerwehr ist nur die Spitze des Eisbergs. Sportvereine, Kulturinitiativen, Sozialverbände, Nachbarschaftshilfe, Tafeln, Jugendarbeit: Überall sind es Ehrenamtliche, die den Laden am Laufen halten. Der Landtag hat im Januar 2026 darüber debattiert und das Ehrenamt als „Stütze der Demokratie“ gelobt. Schöne Worte. Doch viele Vereine und Initiativen haben massive Nachwuchsprobleme.
Wir brauchen keine Urkunden und Anstecknadeln. Wir brauchen Nachwuchs. Und der ist weg, weil die jungen Leute wegziehen.
So oder so ähnlich: Ein Vereinsvorsitzender aus Schwerin
Das Nachwuchsproblem heißt Abwanderung
Hier schließt sich der Kreis zu Schwerins Grundproblem: der demografischen Entwicklung. Durchschnittsalter 47,6 Jahre, jeder Vierte über 65. Die jungen Leute, die normalerweise das Ehrenamt tragen würden, sind nach Hamburg oder Berlin gezogen. Was bleibt, sind alternde Vereinsvorstände, die seit 20 Jahren dieselben Posten besetzen, weil niemand nachkommt.
Der Landesfeuerwehrverband hat die Kampagne „Köpfe gesucht“ gestartet. Das neueste Modul heißt: „Mach dein Kind stolz, komm auch du zur Freiwilligen Feuerwehr.“ Man wirbt also bei Eltern, damit die Kinder sich freuen. Es ist rührend und verzweifelt zugleich.
Die Stadt ehrt ihre Ehrenamtlichen mit Urkunden und einem „Ehrenamts-PIN“ mit der Aufschrift „Engagiert in Mecklenburg-Vorpommern“. Das ist nett. Aber ein Anstecker ersetzt keine fehlenden Arbeitsplätze, die junge Menschen in der Stadt halten würden. Er ersetzt keine Kinderbetreuung, die es den Ehrenamtlichen ermöglicht, nach Feierabend noch drei Stunden im Verein zu verbringen. Er ersetzt nicht die strukturelle Förderung, die aus „Danke für euren Einsatz“ echte Wertschätzung machen würde.
Schwerin lebt vom Ehrenamt. Und das Ehrenamt stirbt an Schwerin. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Tragik einer Stadt, die ihre engagiertesten Bürger verschleißt, weil sie die strukturellen Probleme nicht löst, die das Ehrenamt überhaupt erst nötig machen.
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