Klartext

Digitalisierung in Schwerin: Das Faxgerät schlägt zurück

Deutschland hat ein Digitalisierungsproblem. Schwerin hat ein Digitalisierungsdesaster. Was im Rest der Republik als peinlich langsam gilt, ist in Schwerins Verwaltung der ambitionierte Zielzustand. Andere Städte haben das Faxgerät abgeschafft. Schwerin hat ihm ein Einzelbüro gegeben.

Im Jahr 2026 kann man in Schwerin online genau Folgendes erledigen: einen Termin beim Bürgeramt buchen. Das ist es. Der Termin selbst findet dann natürlich vor Ort statt, mit Wartemarke, Plastikstühlen und der Aura einer Behörde, die den Begriff digital für eine Schriftart hält.

Das Onlinezugangsgesetz: Frist verpasst, und jetzt?

Das Onlinezugangsgesetz (OZG) verpflichtete alle Kommunen, bis Ende 2022 ihre Verwaltungsleistungen digital anzubieten. 575 Leistungen, online verfügbar, Ende 2022. Schwerin hat diese Frist verfehlt wie die Straßenbahn den Fahrplan: systematisch und ohne erkennbare Reue.

Tallinn, die Hauptstadt Estlands, hat 450.000 Einwohner. Man kann dort online Firmen gründen, wählen, Rezepte einlösen, Steuererklärungen abgeben und Immobilien kaufen. Alles digital, alles in Minuten. In Schwerin kann man online einen Termin buchen, um dann persönlich ein Formular auszufüllen, das jemand in einen Ordner heftet.

Ich wollte online eine Meldebescheinigung beantragen. Die Website hat mich an ein PDF-Formular weitergeleitet. Das sollte ich ausdrucken, ausfüllen und per Post schicken. Im Jahr 2026.

Lea, 27, Neu-Schwerinerin aus Berlin

Die Stadtverwaltung arbeitet mit Softwaresystemen, die älter sind als die meisten Praktikanten. Faxgeräte stehen nicht in Museen, sondern in Büros. Aktenordner türmen sich nicht ironisch, sondern operativ. Der interne Schriftverkehr funktioniert teilweise noch per Hauspost. Hauspost! In einer Ära, in der man mit einem Smartphone Herzrhythmusstörungen diagnostizieren kann, schickt Schwerins Verwaltung Zettel durch das Gebäude.

Digitaler Zwilling? Schwerin hat noch keinen analogen im Griff

Andere Städte reden von Smart City, digitalen Zwillingen, KI-gestützter Verkehrsplanung. Leipzig hat ein Open-Data-Portal. Hamburg vernetzt seine Ampeln digital. München experimentiert mit autonomen Bussen. Schwerin experimentiert damit, E-Mails innerhalb von 48 Stunden zu beantworten. Ergebnisse: gemischt.

Das städtische WLAN, das es in der Innenstadt theoretisch gibt, hat eine Reichweite, die ungefähr dem Umkreis eines einzelnen Cafés entspricht. Die Geschwindigkeit reicht aus, um eine E-Mail zu laden. Vielleicht. Wenn niemand sonst eingeloggt ist. Was bei der Frequenz der Schweriner Innenstadt zugegebenermaßen realistisch ist.

Die Digitalisierung der Stadtverwaltung ist ein zentrales Zukunftsthema, dem wir uns mit Nachdruck widmen.

Oberbürgermeister Rico Badenschier, vermutlich per Fax versendet

Schwerin digitalisiert sich. Irgendwann. Vielleicht. Bis dahin gilt: Bitte drucken Sie das Formular aus, füllen Sie es handschriftlich aus, und bringen Sie es persönlich vorbei. Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr. Nachmittags nur dienstags.

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