Klartext

Der Schweriner See: 60 Quadratkilometer, die niemand nutzt

60,12 Quadratkilometer. Damit ist der Schweriner See der zweitgrößte See Norddeutschlands, der viertgrößte Deutschlands. Eine Wasserfläche, für die andere Städte töten würden. Zürich hat seinen Zürichsee, Konstanz den Bodensee, Schwerin hat – na ja, Schwerin hat ihn halt.

Denn zwischen Haben und Nutzen liegt in dieser Stadt traditionell ein Abgrund, der breiter ist als der See selbst. Während Konstanz seine Seepromenade als urbanes Wohnzimmer inszeniert, während Zürich am Ufer Kultur, Gastronomie und Nachtleben versammelt, hat Schwerin seinem See vor allem eines zu bieten: Ruhe. Sehr viel Ruhe. Die Art von Ruhe, die entsteht, wenn niemand da ist.

Zippendorf: Der Strand, den die Zeit vergaß

Es gibt genau einen offiziellen Badestrand am Schweriner See. Einen. Für knapp 100.000 Einwohner. Der Strand Zippendorf, liebevoll Schweriner Riviera genannt, wobei dieser Vergleich in etwa so treffend ist wie Schwerin als Metropole zu bezeichnen. Ein Kiosk, ein paar Bänke, Sand der schon bessere Tage gesehen hat. An einem guten Sommertag kommen vielleicht 200 Leute. An einem schlechten steht dort ein einzelner Rentner mit seinem Dackel und starrt aufs Wasser.

Ich komme seit 40 Jahren hierher. Hat sich nicht viel verändert. Der Kiosk hatte mal eine andere Farbe, glaube ich.

Hartmut, 71, Zippendorf

Was andere Städte aus so einem See machen würden, grenzt an einen parallelen Kosmos. Segelschulen, Surfstationen, schwimmende Restaurants, Promenaden mit Cafés, Fahrradwege am Ufer, Wassertaxis, Floating Bars. In Schwerin gibt es: die Weiße Flotte. Ein paar Ausflugsschiffe, deren Zielgruppe das Durchschnittsalter der Stadt widerspiegelt. Man tuckert gemütlich über den See, trinkt einen Kaffee, und ist nach anderthalb Stunden wieder da, wo man angefangen hat. Metaphorisch wie buchstäblich.

61 Kilometer Uferlinie, gefühlt 500 Meter davon zugänglich

Der Schweriner See hat eine Uferlinie von über 60 Kilometern. Davon sind geschätzt fünf Prozent als Uferpromenade oder öffentlicher Zugang erschlossen. Der Rest: Privatgrundstücke, Schilf, Verwilderung, Zäune. In einer Stadt, die sich Stadt der sieben Seen nennt, kommt man an die meisten dieser Seen nur, wenn man durch Gestrüpp klettert oder ein Boot hat.

Zum Vergleich: Hamburg hat die Alster. 1,6 Quadratkilometer, also ein Bruchteil des Schweriner Sees. Trotzdem ist die Alster das Herz der Stadt, Treffpunkt, Naherholung, Identität. Die Hamburger paddeln, segeln, joggen und brunchen am Ufer. Die Schweriner schauen aus der Ferne auf den See und sagen: Schön isser. Dann gehen sie nach Hause.

Wir prüfen derzeit verschiedene Konzepte zur nachhaltigen Aufwertung der Uferzonen im Rahmen des integrierten Stadtentwicklungskonzepts.

Sprecher der Stadtverwaltung, seit 2011

Was Schwerin bräuchte, wäre nicht viel: eine durchgängige Uferpromenade, Gastronomie am Wasser, Verleihstationen für SUPs und Kajaks, Veranstaltungsflächen mit Seeblick. Was Schwerin hat: ein Konzeptpapier, das seit 2011 in einer Schublade liegt, und den festen Willen, auch dieses Potenzial komplett zu verschwenden.

60 Quadratkilometer. In jeder anderen Stadt wäre das der USP, der Standortfaktor, das Argument. In Schwerin ist es eine hübsche Kulisse für den Blick aus dem Pflegeheim. Aber hey: Wenigstens ist er noch da. Verschenkt, ignoriert, ungenutzt. Aber da.

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