Gesellschaft

800 Seiten Gutachten für den Abriss des Strandhotels Zippendorf — und die Stadt sagt trotzdem Nein

Es gibt Ruinen, die erzählen Geschichten. Und dann gibt es das Strandhotel Zippendorf, das seit über 20 Jahren hauptsächlich eine Geschichte erzählt: Die von einer Stadt, die sich nicht entscheiden kann.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht das ehemalige Aushängeschild der Schweriner Strandpromenade leer. Eingeschlagene Scheiben, bröckelnde Fassaden, Graffiti. Die blauen Markisen sind noch da — als müssten sie beweisen, dass hier mal jemand Urlaub gemacht hat. Spoiler: Haben sie. Sogar die Klitschko-Brüder.

800 Seiten, die niemand lesen will

Jetzt haben die Eigentümer ein Gutachten vorgelegt. 800 Seiten. Achthundert. Da hat jemand ganze Wälder abgeholzt, um zu beweisen, dass ein einzelnes Gebäude abgerissen werden sollte. Das Ergebnis: Abriss sei „alternativlos“. Ein Wort, das in der deutschen Politik normalerweise bedeutet: „Wir haben keine Lust, nach Alternativen zu suchen.“

„Die Stadtverwaltung und Denkmalschutzbehörde sehen nach einer ersten Prüfung keinerlei Anhaltspunkte für einen Abriss.“ — Interims-OB Bernd Nottebaum, der damit das dickste Gutachten der Stadtgeschichte mit einem Satz vom Tisch wischt.

Man muss sich das vorstellen: Jemand bezahlt für 800 Seiten Gutachten, und die Stadt sagt nach einer „ersten Prüfung“ — also vermutlich nach dem Inhaltsverzeichnis — dass sie keine Anhaltspunkte sehe. Das ist, als würde man einen 800-seitigen Liebesbrief schreiben und als Antwort „K“ bekommen.

Von Klitschko-Partys zu Lost-Places-Fototouren

Das 1910 erbaute Hotel war ein DDR-Feriendomizil, nach der Wende Treffpunkt für Prominenz. Vitali und Wladimir Klitschko feierten hier. Die Nachtbar war legendär, die Herrentagspartys unter freiem Himmel sowieso. Heute ist das Gebäude vor allem bei Urban-Exploration-Influencern beliebt — und bei Tauben.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder „neue Pläne und Ankündigungen“. Ein Investor wollte Ferienwohnungen bauen. Dann ging es um die Frage, wie viele und wie hoch. Dann wurde es wieder still. Das Strandhotel hat inzwischen mehr Comebacks angekündigt als Tokio Hotel — und genauso wenige davon durchgezogen.

Ähnlich wie bei der Alten Post, wo der Planerwechsel beim 50-Millionen-Umbau für Verwirrung sorgt, scheint auch hier das Motto zu gelten: Hauptsache, es passiert irgendwas. Oder eben nichts. Das geht auch.

Immerhin: Die Eigentümer haben „weitere Unterlagen angekündigt“. Vielleicht nochmal 800 Seiten. Oder ein Pop-up-Buch. Oder eine Powerpoint mit Animationen. Irgendwann muss die Stadt ja lesen.

Quellen: NDR, tagesschau

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