SCHWERIN. Während die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns seit Jahrzehnten Einwohner verliert und zuletzt die symbolische 100.000er-Grenze unterschritten hat, wächst an anderer Stelle eine Gemeinschaft, die das Stadtmarketing bislang sträflich vernachlässigt hat: die Asiatischen Löwen im Zoo Schwerin. Mit aktuell sieben Tieren beherbergt der Zoo das viertgrößte Rudel dieser bedrohten Großkatzenart weltweit. Das ist mehr als Singapur, mehr als London und mehr als Berlin.
Die Entdeckung, die Stadtplanern zufolge „schon länger bekannt gewesen sein müsste“, löste in der Verwaltung hektische Aktivität aus. Die Dezernentin für Bevölkerungsentwicklung und Demographische Gesamtplanung, Renate Wachstumslos, soll nach Informationen aus dem Rathaus unverzüglich eine Arbeitsgruppe einberufen haben, die prüfen soll, „ob und unter welchen Voraussetzungen Zootiere in die amtliche Einwohnerzählung einfließen könnten“. Damit würde Schwerin von 98.308 auf 98.315 steigen. Ein Aufwuchs von 0,007 Prozent — „der stärkste in zehn Jahren“, hieß es intern.
Tourismusbüro erkennt Chance, fragt aber kurz nach, was ein Asiatischer Löwe ist
Das städtische Tourismusbüro reagierte mit ungewohnter Geschwindigkeit. Noch am Abend der Bekanntmachung wurde ein Entwurf für eine neue Dachmarke erarbeitet: „Schwerin — Viertgrößter Asiatischer Löwenstandort der Welt.“ Erste Plakatmotive zeigen einen der Löwen vor dem Schweriner Schloss. Auf dem Entwurf ist der Löwe größer als das Schloss. Das Tourismusbüro nannte das „bewusste künstlerische Entscheidung“. Ob man auch eine Übernachtung in der Löwenlodge in das neue Marketingmaterial integrieren wolle, werde noch geprüft.
„Wir haben das Schloss. Wir haben die Seen. Und jetzt wissen wir, dass wir auch die Löwen haben. Ich sage nur: Wow.“
Torsten Bleibhier, Stadtrat und spontaner Löwen-Enthusiast
Tatsächlich ist der Befund bemerkenswert. Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt Deutschlands ohne Großstadtstatus, ohne Universität, ohne ICE-Anschluss und ohne einen einzigen Club — hält aber im internationalen Vergleich der Asiatischen Löwenpopulationen einen Spitzenplatz. Die Stadt, die nach Singapur, London und einem Zoo in Ahmedabad auf Rang vier liegt, übertrifft damit Städte, die in jedem anderen Ranking deutlich vorne liegen.
Löwin Heidi als Vorbild für Schweriner Bevölkerungspolitik
Besonders hervorgehoben wird in internen Papieren Löwin Heidi, die zuletzt drei Jungtiere zur Welt gebracht hat und damit in einem einzigen Wurf mehr zum Bevölkerungswachstum beigetragen haben soll als die gesamte Zuzugspolitik der vergangenen acht Jahre. Ein namentlich nicht genannter Stadtrat soll vorgeschlagen haben, Heidi als „Ehren-Bürgerin Schwerins“ auszuzeichnen. Der Antrag liegt aktuell in einem Ausschuss.
Weniger begeistert zeigten sich Vertreter der Initiative „Schwerin für Menschen“. „Ich finde es schön, dass die Löwen sich wohlfühlen“, sagte Sprecherin Gundula Platz. „Aber wenn ich am Marienplatz entlangläuft und ein Drittel der Läden geschlossen ist, denke ich nicht zuerst an Asiatische Löwen.“ Sie räumte allerdings ein, dass sie die Löwen „grundsätzlich toll“ finde. Dass der Friedhof inzwischen mehr Neuzugänge meldet als das Einwohnermeldeamt, sei ihr in diesem Zusammenhang auch noch eingefallen.
Die Stadtvertretung soll in ihrer nächsten Sitzung über den Antrag beraten, die Löwen in das Stadtlogo aufzunehmen. Der aktuelle Entwurf zeigt einen Löwen, der auf dem Schweriner Schloss sitzt. Stadtpräsident Sebastian Ehlers wollte sich auf Anfrage nicht äußern, war aber erkennbar nicht unglücklich über das Thema.
Schwerin hat vielleicht wenig, das es der Welt zeigen kann. Aber es hat Platz vier. Und die Löwen fragen nicht, wann der nächste Zug nach Hamburg geht.
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