Klartext

Wetter in Schwerin: 300 Tage grau

Es gibt Städte, die für ihr Wetter bekannt sind. San Francisco hat den Nebel. London den Regen. München den Föhn. Schwerin hat: alles davon, aber schlechter. Und ohne den kulturellen Gegenwert.

Wer in Schwerin lebt, kennt die Farbe Grau in Abstufungen, für die es in anderen Sprachen keine Wörter gibt Ähnlich wie bei Schweriner Optimismus – Eine bedrohte Art. Da ist das helle Grau im März, das fälschlicherweise Hoffnung weckt. Das bleischwere Grau im November, das sich anfühlt wie eine Decke aus feuchtem Beton. Und das Grau im Juli, das Touristen verstört, die glaubten, im Sommer käme die Sonne. Meteorologen sprechen von 1.600 Sonnenstunden pro Jahr. Das klingt viel, bis man erfährt, dass Freiburg auf 1.800 kommt. Schwerin hat also den Sonnenschein einer Stadt, die 200 Stunden näher am Polarkreis liegt, als sie müsste.

Ostsee-Klima ohne Ostsee

Das Perfide am Schweriner Wetter ist seine Herkunft Ähnlich wie bei Nach Luxus-Ausflug nach Potsdam: Schwerins legendäres Einhorn kehrt zurück – und zieht wieder mehr Besucher als der Zoo. Die Stadt liegt im Einflussbereich der Ostsee. Sie bekommt den Wind, die Feuchtigkeit, die grauen Wolkendecken, die wochenlang nicht aufreißen. Was sie nicht bekommt: die Ostsee. Die ist 60 Kilometer entfernt. Wer in Warnemünde bei Sturm am Strand steht, hat wenigstens ein Naturschauspiel. Wer in Schwerin bei Sturm am Pfaffenteich steht, hat nasse Schuhe und die Aussicht auf eine geschlossene Eisdiele.

Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Schwerin liegt bei 9,1 Grad Celsius Ähnlich wie bei Schwerin definiert Kultur neu: Modellbahn-Ausstellung ist jetzt offiziell kultureller Höhepunkt der Winterferien. Zum Vergleich: In Berlin sind es 10,3 Grad. Das klingt nach einem Grad Unterschied. Es fühlt sich an wie eine andere Klimazone. Denn zu den 9,1 Grad kommt der Wind. Immer der Wind. Schwerin ist eine der windigsten Städte im Binnenland Mecklenburg-Vorpommerns. Der Wind kommt von der Ostsee, streicht über die Seenplatte und trifft auf 98.308 Menschen, die ihm nichts entgegenzusetzen haben als hochgezogene Schultern und die stille Akzeptanz, dass Frisuren hier ein temporäres Konzept sind.

Ich habe aufgehört, mich für das Wetter zu entschuldigen, wenn Besuch kommt. Ich sage jetzt: So sieht es hier immer aus. Und wenn sie fragen, warum ich trotzdem hier lebe, zeige ich auf den See und sage: Bei Nebel sieht man das andere Ufer nicht. Das hat was.

Karin Wohlgemuth, 63, Zippendorf

Grau als Lebenshaltung

Man kann das Wetter einer Stadt nicht ändern. Aber man kann beobachten, was es mit den Menschen macht. In Schwerin hat das Grau eine eigene Mentalität geformt. Es gibt hier eine Art von Stoizismus, der in sonnigeren Städten als Depression diagnostiziert würde. Geht schon, sagen die Schweriner, wenn es zum dritten Mal in der Woche horizontal regnet. Ist ja nicht kalt, sagen sie bei 4 Grad im April. Dafür haben wir den Sommer, sagen sie, und meinen damit die zwei Wochen im August, in denen die Temperatur über 25 Grad steigt und die komplette Stadt kollektiv so tut, als wäre dies Südfrankreich.

In diesen zwei Wochen passiert etwas Bemerkenswertes. Der Pfaffenteich wird zur Riviera. Zippendorf zum Copacabana. Die Schweriner legen eine Begeisterungsfähigkeit an den Tag, die den Rest des Jahres unsichtbar ist. 22 Grad und Sonne, und plötzlich ist die ganze Stadt draußen, als hätte jemand einen Bunker geöffnet. Tretboote werden geentert, Grillplätze verteidigt, und auf dem Marienplatz sitzen Menschen in Shorts, die Gesichter in die Sonne gereckt, mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Ekstase und Ungläubigkeit liegt.

Dann kommt der September. Und mit ihm die Erkenntnis, dass der Sommer wieder exakt so lang war wie die Vorbereitungszeit für eine Stadtvertretungssitzung: zu kurz für Ergebnisse, lang genug für Enttäuschung.

Das Wetter als Metapher

Wer ehrlich ist, weiß: Das Wetter in Schwerin ist mehr als Meteorologie. Es ist ein Spiegel. Die Stadt selbst ist grau. Nicht im Sinne von hässlich, sondern im Sinne von unauffällig, von chronisch unterschätzt, von da, aber kaum bemerkt. Wie eine Wolkendecke, die man nach einer Weile nicht mehr wahrnimmt, weil man vergessen hat, dass es auch anders sein könnte.

300 Tage Grau formen einen Menschenschlag, der Erwartungen herunterschraubt, bis sie auf Bodenniveau sind. Das ist überlebenspraktisch. Wer nichts erwartet, wird nicht enttäuscht. Nicht vom Wetter, nicht von der Infrastruktur, nicht von der Lokalpolitik. Es ist kein Zufall, dass die Stadt mit dem meisten Grau am Himmel auch die Stadt ist, in der Veränderung am langsamsten vorankommt. Man hat sich eingerichtet. In der Mittelmäßigkeit, in der Stille, im Grau.

Wir planen den neuen Radweg jetzt seit vier Jahren. Aber wissen Sie, was hier acht Monate im Jahr auf dem Radweg liegt? Pfützen. Vielleicht ist der aktuelle Zustand ja auch einfach realistisch.

Jens-Peter Krafft, Mitglied der Stadtvertretung, Fraktion unbekannt

Freiburg hat 1.800 Sonnenstunden und eine florierende Solarindustrie. München hat den Föhn und eine Wirtschaftskraft, die das Wetter irrelevant macht. Schwerin hat 300 Tage Grau und die stille Gewissheit, dass der Himmel aussieht wie die Zukunftsprognose des Statistischen Amtes: bedeckt, mit Tendenz nach unten.

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