Freitagabend, 22 Uhr, Schwerin. Du bist 24, hast die Arbeitswoche hinter dir und willst raus. Du willst irgendwohin, wo Musik läuft, wo Menschen sind, wo die Nacht nicht um 23 Uhr endet. Du öffnest Google Maps und suchst nach Clubs in Schwerin. Die Ergebnisse: ein Fitnessstudio, eine Tanzschule und ein Eintrag, der seit 2019 als dauerhaft geschlossen markiert ist.
Willkommen in der Landeshauptstadt.
Eine Stadt ohne Nachtleben
Schwerin hatte mal Clubs. Den Zenit, das E-Werk, den Speicher. Das war vor zehn, fünfzehn Jahren. Heute sind sie alle weg. Nicht weil die Betreiber aufgegeben hätten. Sondern weil die Gäste aufgegeben haben. Wer soll auch kommen? Die Hälfte der Zielgruppe ist nach Hamburg gezogen, die andere Hälfte ist freitags so müde, dass sie lieber Netflix guckt. Und die Vermieter wollten lieber Eigentumswohnungen als Bassboxen im Keller.
Das Ergebnis: Eine Landeshauptstadt mit null Clubs. Keine Diskothek, kein Livemusik-Venue, kein Ort, an dem man nach Mitternacht legal Musik hören kann, die lauter ist als ein Gespräch. Null. Für 98.308 Einwohner. In Wismar, einer Stadt mit 42.000 Einwohnern, gibt es mehr Nachtleben als in der Landeshauptstadt. Das muss man erstmal schaffen.
Wenn ich feiern will, fahre ich nach Rostock oder Hamburg. Anderthalb Stunden Zug. Letzte Verbindung zurück: 23:12 Uhr. Also bleibe ich bis morgens und schlafe bei Freunden. Jedes Wochenende dasselbe Spiel.
Tim K., 23, Fachinformatiker, Schwerin
Tim ist kein Einzelfall. Tim ist die Regel. Und Tim wird in spätestens zwei Jahren ganz nach Rostock oder Hamburg ziehen, weil es irgendwann einfacher ist, dort zu leben, wo man sein Leben verbringt, als dort zu wohnen, wo man nur schläft.
Kein Club, keine Szene, keine Identität
Es geht nicht nur um Feiern. Clubs sind Infrastruktur. Wo es Clubs gibt, gibt es Musiker. Wo es Musiker gibt, gibt es eine Szene. Wo es eine Szene gibt, gibt es Kreative. Wo es Kreative gibt, gibt es Start-ups, Agenturen, Coworking-Spaces. Das ist keine Theorie, das ist Leipzig, das ist Halle, das ist jede Stadt, die in den letzten 20 Jahren von der Totgesagten zur Boomtown wurde.
Schwerin hat diesen Kreislauf nie in Gang gesetzt. Und jetzt ist es zu spät für den organischen Weg. Es gibt keine kritische Masse mehr. Die 20- bis 30-Jährigen, die eine Szene hätten aufbauen können, sind weg. Was bleibt, ist ein Vakuum, das sich selbst verstärkt: Es gibt nichts, also geht jeder. Weil alle gehen, gibt es noch weniger. Weil es noch weniger gibt, geht der nächste.
Was die Stadt bietet: eine ehrliche Inventur
Für junge Menschen in Schwerin gibt es: das Staatstheater (Abonnementpreise starten bei 120 Euro, Zielgruppe 50+). Das Capitol-Kino (solide, aber ein Kino ersetzt keine Kultur). Den Schweriner See (schön, aber ab Oktober sechs Monate lang eher ein Argument für Flucht als für Freizeit). Ein paar Kneipen, die unter der Woche ab 20 Uhr halb leer sind. Das Schleswig-Holstein-Haus mit gelegentlichen Ausstellungen. Eine Volkshochschule.
Das ist es. Das komplette Freizeitangebot einer Landeshauptstadt für Menschen unter 30. Man kann das auf eine Postkarte schreiben. Auf eine kleine Postkarte.
Wir investieren gezielt in Jugendbeteiligung und haben mit dem Jugendparlament ein Format geschaffen, das junge Menschen aktiv einbindet. Schwerin nimmt die Bedürfnisse der Jugend sehr ernst.
Petra Langhammer, Dezernentin für Jugend und Soziales (fiktiv)
Ein Jugendparlament. Die Lösung für die Abwanderung einer ganzen Generation ist ein Gremium, das sich viermal im Jahr trifft und dessen Beschlüsse empfehlenden Charakter haben. Empfehlend. Das ist politisch für: Wir lesen es und legen es ab.
Währenddessen baut Rostock ein neues Studierendenviertel. Leipzig eröffnet den dritten Coworking-Space in einem Jahr. Hamburg investiert 50 Millionen in Jugendkulturzentren. Und Schwerin? Schwerin hat den Runden Tisch Jugendarbeit.
Nächstes Treffen: Herbst 2025.
Bis dahin werden wieder ein paar hundert junge Menschen die Stadt verlassen haben. Nicht laut, nicht protestierend, nicht mit Forderungen. Sondern leise, mit einem Umzugswagen und einer Zugfahrkarte nach Hamburg. Und Schwerin wird sich wundern, wo sie alle hin sind. Wie jedes Jahr. Wer für die Jugend nichts tut, verliert sie. Und Schwerin hat für die Jugend so konsequent nichts getan, dass man fast von einer Strategie sprechen könnte.
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